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KI als Belastungsprobe für das offene Internet? Bericht vom Panel bei der DHd 2026 in Wien

2026年7月16日 23:58

Autor*innen (in alphabetischer Reihenfolge): David Maus, Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, https://orcid.org/0000-0001-9292-5673; Sarah Oberbichler, Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH), https://orcid.org/0000-0002-1031-2759 ; Grischka Petri, FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur ,https://orcid.org/0000-0002-2548-449X; Cindarella Petz, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) Mainz, https://orcid.org/0000-0002-6178-7332Klaus Rettinghaus, Sächsische Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), https://orcid.org/0000-0003-1898-2543; Ulrike Wuttke, Fachhochschule Potsdam. Fachbereich Informationswissenschaften, SeDOA, https://orcid.org/0000-0002-8217-4025 

Hintergrund des Panels auf der DHd 2026

Am 25. Februar 2026 fand bei der DHd 2026 in Wien das Panel “KI als Belastungsprobe für das offene Internet” (Link zum Abstract auf Zenodo: https://doi.org/10.5281/zenodo.18696199) statt. Organisiert wurde das Panel von Ulrike Wuttke (Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Informationswissenschaften, SeDOA), David Maus (Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg), Fabian Rack (FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur, NFDI4Culture), Klaus Rettinghaus (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden), Sarah Oberbichler (Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH), und Cindarella Petz (Digital Historical Research | DH Lab, Leibniz-Institute of European History (IEG)). Moderiert wurde das Panel von Ulrike Wuttke, Klaus Rettinghaus und Cindarella Petz. Da Fabian Rack zum Termin leider verhindert war, nahm an seiner Stelle für die NFDI4Culture Grischka Petri (FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur) neben David Maus und Sarah Oberbichler einen Sitz als Panelist*in ein. 

Im Mittelpunkt des Panels stand der Umgang mit den durch die momentanen KI-Entwicklungen verursachten Herausforderungen für offene Informationsinfrastrukturen, wie z. B. KI-Bot-Aktivitäten, sowie der Umgang mit aktuellen rechtlichen Herausforderungen und methodische Implikationen, insbesondere für die Digital Humanities (Shearer und Walk 2025 (COAR-Umfrage), Berg-Weiß 2025, COAR 2026). Die Paneldiskussion adressierte neben technischen und rechtlichen Lösungsansätzen Chancen und Herausforderungen des aktuellen Paradigmenwechsels im Umgang mit offenen Informationsinfrastrukturen und hinterfragte, wie sich der aktuelle KI-Trend mit den Prinzipien offenen Wissens und ethischen Prinzipien in den Digital Humanities und darüber hinaus vereinbaren lässt. Dabei wurden von den Panelist*innen technische, ethische und rechtliche Aspekte beleuchtet.

Einleitung KI und offenes Internet

Eingeleitet wurde das Panel durch Klaus Rettinghaus mit einer thematischen Einführung zum Thema KI und offenes Internet. Er führte aus, dass als OpenAI im November 2022 ChatGPT vorstellte, einerseits das Interesse an dieser neuen Technologie auf Benutzerseite groß war; andererseits die Sorgen bei den Tech-Giganten viel größer waren, nun unter Zugzwang gesetzt zu sein, um schnell zu handeln. Dies führte dazu, dass viele eifrig mit dem Training eigener Modelle begannen, um nicht den Anschluss zu verlieren (Hao 2026).

Ein Problem bei dieser Entwicklung ist, dass die KI-Modelle immer mehr Trainingsdaten benötigen, die sie sich ungefragt und oftmals ohne Erlaubnis überall besorgen und damit den Internet-Traffic in ungeahnte Höhen treiben (Heise 2025a). Das führt dazu, dass inzwischen zahllose KI-Bots das gesamte World Wide Web “abgrasen” und sich dabei als „normale“ Benutzer tarnen (Heise 2025b). Viele „Hüter“ des freien Wissens (wie z.B. Bibliotheken, Wikipedia) werden von Stiftungen oder der öffentlichen Hand finanziert und sind technisch weder für diesen gigantischen Anstieg des Verkehrs ausgelegt noch vorbereitet (Bsp. Thread Fitzpatrick 2026). Sie versuchen, dem Treiben Herr zu werden, indem sie Schranken aufbauen und sich immer mehr abschotten. Klaus Rettinghaus stellte diese Punkte dem Plenum und den Panelist*innen zur Diskussion, denn noch ist kein Ende dieses “Spuks” vorhersehbar und wirft diese neue Realität viele Fragen auf.

Paneldiskussion

Ziel der Paneldiskussion war es, grundlegende Aspekte der aktuellen KI-Entwicklungen in Bezug auf das offene Internet zu diskutieren. Mit Sarah Oberbichler, David Maus und Grischka Petri waren drei Expert*innen der Einladung auf das Panel gefolgt, um die verschiedenen Perspektiven der Akteursgruppen Forschung, Infrastruktur/Bibliothek, Rechtswissenschaft, zu vertreten. 

Mit kurzen Referaten von jeweils 5 Minuten und den jeweils anschließenden Gelegenheiten zur direkten Nachfragen und Kommentaren stellten die drei Panelist*innen ihre Sichtweisen vor. 

Sarah Oberbichler (C²DH, Luxemburg) näherte sich der Problematik aus der Perspektive der Forschungsdatenpraxis in den Digital Humanities und stellte dabei eine grundlegende begriffliche Unterscheidung in den Mittelpunkt: Was bedeutet „offen“ überhaupt? Und für wen? Offene Daten umfassen mindestens zwei Dimensionen, die in der Praxis nicht immer klar unterschieden werden: öffentliche Verfügbarkeit (technische Offenheit) im Sinne des freien Internetzugangs und rechtliche Offenheit durch Lizenzen, die Weiterverwendung für Forschung und Lehre erlauben, auch wenn Inhalte hinter einem Login liegen. Eine wesentliche Frage für Forschende lautet deshalb nicht: Sind die Daten zugänglich? Sondern: Sind sie auffindbar, nutzbar und nachnutzbar?

Am Beispiel des Internet Archive lässt sich zeigen, wie das massenhafte Scraping das offene Internet selbst verändert, und damit die Archivierung historisch bedeutsamer Quellen gefährdet. Da KI-Unternehmen das Internet Archiv als kostenlose Datenquelle nutzen, hatten im April 2026 241 Medienhäuser den Zugang für das Archiv blockiert, gleichzeitig schließen dieselben Häuser aber Lizenzdeals mit KI-Firmen ab (Muno 2026). Das Ergebnis ist eine strukturelle Verzerrung des digitalen Gedächtnisses: Qualitätsjournalismus verschwindet aus dem Archiv, während Blogs, Verschwörungsseiten und Content Farms übrig bleiben. Und da Medienhäuser nicht immer selbst archivieren und das Internet Archive blockiert wird, archiviert am Ende niemand.

In diesem Kontext gibt es keine klare Lösungen, jedoch mögliche Neuausrichtungen: (1) ethische KI-Implementierung statt Massenscraping; (2) öffentliche Dokumentation von Datensätzen statt unbegrenztem Datenzugang, etwa durch sogenannte Data Envelopes (Luthra & Eskevich, 2024), die Auffindbarkeit gewährleisten, ohne unkontrollierten Zugriff zu erzwingen; und (3) gemeinsame KI-Entwicklung, bei der Kultureinrichtungen, Forschende und KI-Entwickler:innen zusammenarbeiten und einen Paradigmenwechsel von Quantität zu Qualität vollziehen. 

David Maus nahm eine Einschätzung aus der Perspektive eines Infrastrukturanbieters vor. Aus der praktischen Arbeit an forschungsnaher Infrastruktur, den Bibliothekskatalogen und den daran angeschlossenen Informationssystemen, stellen sich die massenhaften Zugriffe auch als Angriff auf die Infrastruktur dar. Weil die Bots die etablierten Steuerungsmechanismen (Robots Exclusion Protocol, aka robots.txt) schlicht ignorieren und gnadenlos aus allen Richtungen die verfügbare Bandbreite verbrauchen, legen sie regelmäßig Teile der Infrastruktur lahm. Sei es, dass die Systeme unter der Last zusammenbrechen oder sei es, dass die Betreibenden ihre Dienste einstellen oder nur noch restriktiv zugänglich machen.

Als Konsequenz drückte er seine Erwartung einer stärkeren Zentralisierung und Homogenisierung der online verfügbaren Angebote aus. Der Schutz vor aggressiven Bots erfordert eine Infrastruktur, die Angebote von engagierten Einzelpersonen oder kleinen Facharbeitsgruppen nicht aufbringen können. Infrastrukturanbieter wiederum skalieren ihre Dienste darüber, dass sie Plattformen mit einer einheitlichen Grundstruktur anbieten. Angebote, die selbst keine Ressourcen für einen Bot-Schutz haben, verschwinden aus dem Netz oder müssen sich den Plattformen der Infrastrukturanbieter anpassen.

Grischka Petri führte aus, dass es aus rechtlicher Perspektive ernüchternd ist, nach Maßnahmen zu suchen, mit denen man gegen die Verursacher der Server-Sonderbelastung juristisch vorgehen könnte. Die Auswirkungen gleichen einem DoS-Angriff, dafür ist eigentlich das Computerstrafrecht zuständig. Allerdings ist es in den Bot-Downloads nicht vorgesehen, dass die besuchten Server in die Knie gehen sollen – im Gegenteil, man will sie ja nutzen. Der Ansatz scheitert also schon am Vorsatz. Das Urheberrecht bietet attraktive Kategorien an, um Nutzungen zu regeln – allerdings besteht das Problem ganz unabhängig vom urheberrechtlichen Status der Daten. Womöglich ist es für Anbieter gemeinfreier Inhalte sogar noch größer. Das Prinzip Lkw-Maut erscheint erfolgversprechender. Das ist eine Infrastrukturabgabe für eine Sondernutzung. Abseits einer staatlichen Regulierung hat die Wikimedia Foundation mit Wikimedia Enterprise einen solchen Weg eingeschlagen und bietet entsprechende Sondernutzungsverträge an.

Letztlich zeigt sich aber, dass mit rechtlichen Instrumenten keine Betriebssicherheit zu erlangen ist, weshalb am Ende die Empfehlung für technische Maßnahmen übrig bleibt. Initiativen wie die CC Signals, die sich selbst als “a technical and legal tool and a social proposition” beschreiben, sind vom guten Willen der beteiligten Akteure abhängig.

Nach dem Austausch auf dem Podium zwischen den Panelist*innen wurde die mit allen Teilnehmenden im Plenum von Cindarella Petz mit einer digitalen Intervention eingeleitet, in welcher die zu diskutierenden Fragen mithilfe von Wooclap zur Abstimmung gebracht wurden. 

Umfrageergebnisse mit Wooclap.

Mithilfe eines webbasierten Etherpads hatte das Publikum die Möglichkeit, anonym Fragen zu stellen und interessante Aspekte zu kommentieren. Im Pad wurden konkrete Standards und unterschiedliche Granularitäten von Nutzungslizenzen diskutiert, Ansätze zur Umleitung von Webcrawlern durch beispielsweise “LLMs.txt” oder “MCP” aufgeworfen, partizipatorische Elemente der Organisation von Wissenschaften, Forschung und GLAM-Institutionen angeregt und die ethische Nutzung von gecrawlten Datensätzen wie “Common Crawl” hinterfragt und welche rechtliche Rahmenbedingung geschaffen werden müssten, um eine Haftbarmachung von Massencrawlern und Stör-Bots zu erreichen.

Fazit und Ausblick

Die Diskussion zeigte deutlich, das wissenschaftsadäquate Lösungsszenarien für die komplexe Herausforderung durch die aktuellen KI-Entwicklungen nur mittels einer diversen Perspektive – unter Einbeziehung verschiedener Akteure und der Einbeziehung fachlicher, rechtlicher, technologischer und ethischer Aspekte herausgearbeitet werden können. Es wurde deutlich, dass es notwendig ist, dass die kritischen Stimmen lauter werden müssen. Letztendlich “befüttert” der KI-Einsatz in der Forschung in vielen Fällen (zumindest implizit) genau die gleichen Akteure, die für den im Panel kritisch betrachteten “ruchlosen” Umgang mit den digitalen Commons und Infrastrukturen insbesondere aus dem Kulturerbebereich (CHI) verantwortlich sind. 

Zusätzlich stellt sich die Frage, welche Expertise und Kompetenzen Digital Humanist(a)s in die Herausarbeitung von “Leitplanken” (Werten, Richtlinien, Forschungsethik) für den KI-Einsatz einbringen könnten bzw. sollten. In dieser neuen Phase des offenen Internets gibt es keine einfachen Lösungen. Alles “wegzuschließen” (d.h. technologische oder rechtliche Sperren) würde vor allem auch der Forschung selbst schaden. Was nützt es, wenn mensch alles finden kann, aber nicht mehr damit arbeiten kann. Wichtiger scheint es, den großen kommerziellen KI-Akteuren (Tech-Giganten) Einhalt zu gebieten bzw. ihr Handeln und die Nutzung ihrer Tools kritisch zu hinterfragen. Das Feedback im Saal bestärkte auf jeden Fall das große Potenzial von Digital Humanist(a)s und der LIS-Community (Library and Information Science) in der Politikberatung und der Herausarbeitung kritischer Punkte. Die Zeit ist reif, den Finger in die Wunde zu legen.

Quellen 

Berg-Weiß, Alexander. “Offen für manche Menschen oder doch für alle(s)? KI-Bots und ihre Auswirkungen auf den Betrieb von Repositorien.” BuB 77 Nr. 7(2025), S. 372-75. 

COAR, Navigating the Uneasy Interdependence of AI and Open Science, A COAR Statement, 3.3.2026

https://coar-repositories.org/news-updates/navigating-the-uneasy-interdependence-of-ai-and-open-science/ 

Fitzpatrick 2026, “Just FYI: this is part of the damage being done by extractive AI companies. Their scraper bots routinely DDOS us, and they multiply to take up as much bandwidth as is available. We are having to put a huge percentage of our developers’ time into just keeping the site alive rather than building its future. They are actively destroying everything worthwhile about the internet.” https://hcommons.social/@kfitz/115854657278743117, Mastodon, 7.1.2026, 17:02.  

Hao, Karen. 2026. Empire of AI: dreams and nightmares in Sam Altman’s OpenAI. New York: Penguin Books.

Heise (2025a), „Besorgniserregender Trend“: KI verursacht immer mehr Traffic, 21.08.2025 https://www.heise.de/news/Analyse-KI-Crawler-koennen-Server-ueberlasten-10560038.html (Achtung ohne Pur-Abo: Tracking)

Heise (2025b), Wikipedia: Bot-Traffic tarnt sich zunehmend als menschlich, 19.10.2025 https://www.heise.de/news/Wikipedia-Bot-Traffic-tarnt-sich-zunehmend-als-menschlich-10778492.html (Achtung ohne Pur-Abo: Tracking)

Luthra, Mrinalini und Maria Eskevich. „Data-Envelopes for Cultural Heritage: Going beyond Datasheets.“ Proceedings of the Workshop on Legal and Ethical Issues in Human Language Technologies @ LREC-COLING 2024, S. 52–65. Torino, Italia: ELRA and ICCL, 2024. https://aclanthology.org/2024.legal-1.9/  

Muno, Martin. „Internet-Archive: Unser digitales Gedächtnis ist bedroht.“ Deutsche Welle, 21. April 2026. https://p.dw.com/p/5CKXK

Shearer, Kathleen und Paul Walk. „The impact of AI bots and crawlers on open repositories: Results of a COAR survey.” April 2025, aufgerufen am 30.07.2025, https://coar-repositories.org/wp-content/uploads/2025/06/Report-of-the-COAR-Survey-on-AI-Bots-June-2025-1.pdf.

Wuttke, U., Maus, D., Rack, F., Rettinghaus, K., Oberbichler, S., & Petz, C. (2026, Februar 20). KI als Belastungsprobe für das offene Internet?. DHd 2026 Nicht nur Text, nicht nur Daten (DHd2026) (DHd2026), Wien, Österreich. https://doi.org/10.5281/zenodo.18696199

Digitale Editionen und …

2025年10月16日 05:00

In Fortführung einer mehrwöchigen Veranstaltungsreihe im Herbst 2023, bei der die Grundlagen von digitalen Editionen mit XML vorgestellt, erprobt und diskutiert wurden, blickt die Workshopreihe Digitale Editionen und …  nun über den engeren Rahmen hinaus. In fünf Sitzungen sollen Fragen angesprochen werden, die bei der Erstellung digitaler Editionen regelmäßig auftreten, aber nicht mit Textkodierung allein zu beantworten sind.  Die in dieser zweiten Runde diskutierten Themen sind:

(1) Digitale Editionen und Webpräsentation
(2) Digitale Editionen und Versionskontrolle
(3) Digitale Editionen und Künstliche Intelligenz

Die Sitzungen finden ab dem 24. Oktober jeweils von 14 bis 16 Uhr online via Zoom statt und werden möglichst praktisch orientiert, hands-on, gestaltet. Die Sitzungen können auch einzeln besucht werden und sind für Anfänger:innen ohne Vorkenntnisse in den genannten Themenfeldern geeignet. Die Zahl der Teilnehmer:innen ist auf 25 Plätze begrenzt, eine Anmeldung über die Veranstaltungsseite daher notwendig. Dort findet sich das vollständige Programm. Verantwortliche Veranstalterin des Workshops ist die Kommission für Editionswissenschaft und Digital Humanities in der Arbeitsgemeinschaft für germanistische Edition, mit freundlicher Unterstützung des NFDI-Konsortiums Text+

CFP: Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter – 2024

2023年10月11日 21:54

CFP: Konferenz: Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter – 2024
Ort: Belvedere, Wien (online)
Datum: 15.–19. Jänner 2024
Eingabeschluss: 3. November 2023

Das Kunstmuseum im digitalen Zeitalter – 2024

Das Belvedere Research Center freut sich, die sechste Ausgabe seiner Konferenzreihe über die digitale Transformation von Kunstmuseen ankündigen zu können. Schwerpunktmäßig soll an die vorangegangene Tagung zum Themenkomplex Metaverse, Web 3 und künstliche Intelligenz angeknüpft werden, die mehr als eintausend Anmeldungen aus 56 Ländern und fünf Kontinenten verzeichnete. Neben Beiträgen zu diesen zukunftsweisenden Konzepten, die oft durch neue technologische Entwicklungen vorangetrieben werden, sind aber auch solche willkommen, die sich stärker am heutigen Museumsalltag orientieren. Dazu gehört die Untersuchung der Auswirkungen der Digitalisierung auf wesentliche Aspekte der Museumsarbeit wie z. B. Sammlungsmanagement, Ausstellungspraxis und Kunstvermittlung, und zwar im Kontext unserer sich entwickelnden hybriden Welt. Wir bemühen uns um ein offenes Forum, das von den Themen geprägt sein soll, die von der internationalen Museumsgemeinschaft als am relevantesten erachtet werden. Unser Ziel ist, Diskussionen zu fördern, die nicht nur die Zukunft vorwegnehmen, sondern sich auch mit den praktischen Herausforderungen befassen, denen sich Museen in einer digitalen Welt gegenübersehen.

Zweifellos gab es bemerkenswerte Fortschritte bei der Rechenleistung, der Verfügbarkeit umfangreicher Datensätze und der Entwicklung neuer Algorithmen, die zu bedeutenden Durchbrüchen auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz geführt haben. Die Transformer-Modelle (ChatGPT, DALL-E und Midjourney) stellen entscheidende Entwicklungen hin zu generativen künstlichen Intelligenzen dar, die die früheren deterministischen Technologien übertreffen. Hardware-Innovationen wie Apples Vision-Pro- und Metas Quest-3-Headsets signalisieren den Beginn einer neuen Ära hybrider Erfahrungen, die die Grenzen zwischen virtuellem und physischem Raum überbrücken („Mixed Reality“ oder „Spatial Computing“). Wie Simon Greenwold in seiner MIT Abschlussarbeit von 2003 dargelegt hat, geht dieses Konzept weit über die ursprünglichen Spieleanwendungen hinaus: „Spatial Computing ist die Interaktion zwischen Menschen und Maschinen, bei der Maschinen in der Lage sind, Bezüge zu realen Objekten und Räumen zu verstehen und zu manipulieren.“

Während unserer Konferenz laden wir die Teilnehmer*innen ein, das Potenzial digitaler Technologien im Museumssektor zu erkunden, wobei der Schwerpunkt auf der Stärkung von Kunst- und Kultureinrichtungen als Knotenpunkte des Wissensaustauschs für die Zukunft liegt. Wir setzen uns mit der drängenden Frage auseinander, wie der technologische Fortschritt proaktiv gestaltet werden kann, um verantwortungsvolle Anwendungen zu gewährleisten und gleichzeitig die damit verbundenen ethischen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen. Im Rahmen dieses Diskurses werden wir uns mit den Möglichkeiten virtueller Erweiterungen und des Metaversums beschäftigen, insbesondere in den Bereichen Kunst, Bildung, gesellschaftliches Engagement und kulturelle Zusammenarbeit. Wir wollen dies jedoch mit einem kritischen Blick tun und untersuchen, wie diese Technologien auch neue Komplexitäten und Unsicherheiten mit sich bringen können. Während sie innovative Möglichkeiten bieten, müssen wir die ethischen und gesellschaftlichen Implikationen und Vorurteile im Auge behalten.

Die Online-Konferenz präsentiert an fünf Abenden interdisziplinäre Beiträge zu weiter gefassten Fragestellungen rund um den Themenkomplex Metaverse, Web 3 und künstliche Intelligenz, die vor allem – aber nicht ausschließlich – folgende Punkte kritisch reflektieren:

  • Definition und Dekonstruktion von Metaverse und Web 3
  • Herausforderungen der Digitalisierung im Museumsalltag und mögliche Lösungen
  • Freisetzung des Potenzials von künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen
  • Innovationen bei VR/AR/XR-Anwendungen im Museumsbereich
  • die Macht von LOD (Linked Open Data) und DAOs (Decentralized Autonomous Organizations)
  • NFTs und die sich entwickelnde Rolle der Museen auf dem digitalen Kunstmarkt
  • die komplexe Beziehung zwischen E-Commerce und Open Access
  • Erforschung von interaktiver Kunstvermittlung, Partizipation und Gamification
  • Barrierefreiheit, Inklusion und Verantwortung in digitalen Initiativen
  • Erschließung von Digitalisierungsmöglichkeiten für kleinere Kultureinrichtungen
  • und eine Vielzahl weiterer anregender Fragestellungen

Wir freuen uns über Ihre Themenvorschläge aus den Bereichen Museum/Museologie, Kunst- und Kulturgeschichte, Medien- und Bildwissenschaft sowie Digital Humanities. Bitte senden Sie Ihr Abstract für einen 20- bis 25-minütigen Vortrag in deutscher oder englischer Sprache (max. 250 Wörter) einschließlich einer kurzen Biografie inklusive vollständiger Kontaktinformationen zusammengefasst als ein PDF-Dokument bis 3. November 2023 an: a.sommer@belvedere.at

Als Keynote-Speaker konnte Prof. Lev Manovich (Graduate Center, City University of New York) gewonnen werden.

Konferenzkomitee: Christian Huemer, Alexandra Sommer, Markus Wiesenhofer (Belvedere, Wien), Anna Frasca-Rath (FAU Erlangen-Nürnberg), Lev Manovich (Graduate Center, City University of New York), Vince Dziekan (Monash University, Melbourne)

Konferenzsprachen: Deutsch & Englisch

Konferenzpartner: DArtHist, ICOM International Council of Museums Österreich, MÖ – Museumbund Österreich

Alle Vorträge werden online abgehalten. Die Podiumsdiskussion sowie ein Workshop für angemeldete Teilnehmer*innen (Freitag) finden zusätzlich vor Ort im Belvedere, Wien, statt. Die Teilnahme an der Konferenz ist kostenlos.

 

https://www.belvedere.at/digitalmuseum2024

 

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