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ECHOES24 Conference: Mit dem digitalen Echolot zu den Untiefen musikwissenschaftlicher Erkenntnis

2024年7月5日 20:19

Das Forschungsprojekt „Echoes from the Past: Unveiling a Lost Soundscape with Digital Analysis” (2023-2026), angesiedelt an der Universidade NOVA de Lisboa, untersucht die Musik des Mittelalters mit digitalen Methoden. Auf interdisziplinärem Terrain verspricht es somit neue Erkenntnisse für die historische Musikforschung und Musiktheorie, die Digital Humanities (Computational Musicology) und das Music Information Retrieval (MIR) gleichermaßen.
Teil des Projekts war die einmalig stattfindende Konferenz „ECHOES24“, auf der ich Ende Juni erste Ergebnisse meines Promotionsprojekts vorstellen durfte. Sie führte weltweit führende Wissenschaftler:innen des Forschungsbereichs, ebenso wie Promovierende, Early Career Scholars und Professor:innen in Lissabon zusammen, um über „Digital Technologies Applied to Music Research: Methodologies, Projects and Challenges“ zu diskutieren.

In meiner Promotion beschäftige ich mich im Rahmen einer digitalen Korpusstudie mit Polymetrik und metrischen Irregularitäten in den Kompositionen Hugo Distlers, Béla Bartóks und Paul Hindemiths. (Polymetrik nennt man – ganz allgemein – gleichzeitig auftretende, unterschiedliche Taktarten, siehe Abb. 1.) Darauf aufbauend möchte ich ein eigenes Bayessches Modell für Polymetrik entwickeln. Solche metrisch komplexen Strukturen werden in der aktuellen Forschung zur computergestützten Musikwissenschaft noch weitgehend außen vor gelassen, unter anderem da deren Modellierung und computergestützte Analyse bestehende Ansätze und Codierungsformate an ihre Grenzen führt. Mit meinem Forschungsvorhaben möchte ich diese Lücke schließen und mittels einer ergebnisoffenen Grundlagenforschung einen signifikanten Beitrag zur Analyse komplexer Musik, insbesondere des 20. Jahrhunderts, leisten. Daher interessierten mich explizit die auf der Konferenz behandelten Themenbereiche „Key challenges in applying digital technologies to music research” sowie „Music encoding”.

Beginn von Hugo Distlers Motette „O Heiland, reiß die Himmel auf“ aus Der Jahrkreis op. 5 (1933). Jede Stimme wird in ihrer je eigenen Metrik ausgestaltet; die Taktarten wechseln sehr häufig.
Abb. 1: Beginn von Hugo Distlers Motette „O Heiland, reiß die Himmel auf“ aus Der Jahrkreis op. 5 (1933). Jede Stimme wird in ihrer je eigenen Metrik ausgestaltet; die Taktarten wechseln sehr häufig.[1]

 

Herausforderungen bei der Codierung von Polymetrik

Für meine Promotion und beginnende wissenschaftliche Karriere stellte diese Konferenz ein wichtiges Sprungbrett dar. Dort konnte ich zum ersten Mal mein eigenes Forschungsprojekt in einem öffentlichen Vortrag international präsentieren. Explizit stellte ich die Möglichkeiten und Grenzen der Codierung von Polymetrik in verschiedenen Musikcodierungsformaten vor (Folien; Videomitschnitt, leider ohne Ton). Zu meiner Freude war mein Vortrag sehr gut besucht und das Publikum aufmerksam interessiert. Mein Befund, dass Polymetrik in den bestehenden Formaten MusicXML, MEI und Humdrum (noch) nicht originalgetreu codiert werden kann, überraschte die Anwesenden. An den drei Konferenztagen konnte ich mich darüber in vielen Gesprächen austauschen – deshalb wurden gerade die Kaffeepausen zu den wichtigsten Zeiten für mich. Wir haben auch schon gemeinsam erste Lösungsansätze diskutiert, die aufgrund des starken Alte-Musik-Fokus der Konferenz neben dem modernen Westlichen Notationssystem dankenswerterweise auch die Mensuralnotation einschlossen – ein vielversprechender Ansatz!

Deckblatt meines Konferenzvortrags bei der ECHOES24
Abb. 2: Deckblatt meines Konferenzvortrags bei der ECHOES24
Interessiert-lockere Atmosphäre während des Vortrags
Abb. 3: Interessiert-lockere Atmosphäre während des Vortrags

 

Musikforschung zwischen Gaga und Bioinformatik

Insgesamt hörte ich in den drei Tagen 15 Vorträge sowie zwei Keynotes, und besuchte zwei Workshops: in toto eine Tour d’Horizon durch die digitale Musikforschung. In Parallel Sessions fanden gleichzeitig Vorträge in den Bereichen „Digital Early Music“ und „Digital Musicology“ statt. Hier eine Auswahl:

Tillman Weyde (City, University of London) stellte kollaborative Tools in der Jazz-Forschung vor, die synergetisch Methoden des Music Information Retrieval (MIR) und des maschinellen Lernens kombinieren. Insbesondere besprach er seine JazzDAP Studien, die auf den bekannten Arbeiten zur Dig That Lick Database sowie dem Jazzomat Research Project aufbauen.

Das Warschauer Fryderyk-Chopin-Institut um Marcin Konik, Jacek Iwaszko und Craig Sapp stellte das beeindruckende Projekt „Polish Music Heritage in Open Access“ (siehe Polish Scores) vor: ein Online-Repositorium polnischer Musik aus sechs Jahrhunderten, das rund 25.000 Manuskripte und Partituren mit insgesamt einer halben Million Seiten Musik umfasst. Die digitalen Editionen enthalten Codierungen im Humdrum-Format, die mittels IIIF-Koordinaten mit den originalen Partiturseiten verbunden sind.

Andreas Waczkats (Göttingen) forscht zur Rekonstruktion des Klangs einer Londoner Orgel, auf der Georg Friedrich Händel einst spielte. Dem Klangideal nähert sich Waczkat mithilfe des Tools „SOUND“ (FU Berlin), das 3D Sound-Daten verwendet, sowie der VR-Anwendung „Virtual Acoustics“ (RWTH Aachen).

Maria Navarro Cáceres (Salamanca) untersuchte in 20.000 irischen und spanischen volkstümlichen Melodien die Verwendung verschiedener Kirchenmodi. Interessant: Vor allem im spanischen Raum ist Phrygisch sehr beliebt!

Tim Eipert (Würzburg) und Francisco Camas (Madrid) verwendeten in Ihrer Forschung zu mittelalterlichen Tropen unabhängig voneinander bioinformatische Methoden der Phylogenese, um die Provenienz verschiedener Gesänge mit ihren musikalischen Stilen abzugleichen. Daraus ließ sich eine „Stammesgeschichte“ verschiedener mittelalterlicher Gesänge ableiten. Insbesondere diese beiden Forschungsprojekte stießen auf großes Interesse, da hier sowohl die Integration in die historische Musikforschung als auch der erwartete Erkenntnisgewinn sehr vielversprechend ist.

Ganz allgemein war der Wunsch nach Interdisziplinarität im Plenum deutlich spürbar. In diesem Sinne warb Cory McKay (Marianopolis College) für mehr Kommunikation und Offenheit bei Kooperationen zwischen der Musikwissenschaft und der Informatik bzw. dem MIR. Seinem Vortrag stellte er die methodologisch entscheidende Frage voran, „how to make musicological sense out of computer data“. Neben der gründlichen Vor- und Aufbereitung musikalischer Daten, um Biases zu vermeiden, trügen vor allem Visualisierungen zum Verständnis bei.

Adam Knight Gilbert (USC, Los Angeles) entwickelte gemeinsam mit Andrew Goldman (Indiana University) den GaGA-(Gilbert-and-Goldman)-Algorithm, mit dem sie Symmetrien in Kontrapunktwerken des 15. Jahrhunderts identifizieren können. Auf diese Weise untersuchten sie verschiedene Formen musikalischer Palindrome („Inversodrome“, „Crabindrome“) in Chansons von Gilles Binchois sowie in Messen und Motetten Johannes Ockeghems. Sie stellten die Frage in den Raum, inwieweit solche Symmetrien kompositorisches Spiel oder kontrapunktisches Derivat sind.

 

Keynotes: Schon viel erreicht und noch mehr zu tun

Besonders beeindruckend war die abendliche Keynote von Ichiro Fujinaga (McGill University), der seit 40 Jahren Pionierarbeit auf dem Gebiet der Optical Music Recognition (OMR) leistet. Humorvoll veranschaulichte er die Errungenschaften in diesem Bereich und ermutigte, die aktuellen Herausforderungen anzugehen. Er warb insbesondere für das Konzept der „Mechagogy“, dem Machine Teaching als Fähigkeit, Computer und Künstliche Intelligenzen richtig zu „erziehen“ und somit leistungsstärker und lösungsorientierter zu machen. An dieses Konzept konnten auch die Kunstsoziologen Denise Petzold und Jorge Diaz Granados (Maastricht) anschließen, die zur Diskussion über die Frage anregten, ob digitale Technologien als Musikinstrumente angesehen werden sollten.

In der zweiten Keynote mit dem Titel „Sustaining Digital Musicology“ plädierte Jennifer Bain (Dalhousie University) für mehr Kooperation innerhalb der Musikforschung, um Forschungsdaten langfristig erhalten zu können. Mit erschreckenden Zahlen aus den vergangenen drei Jahren warnte sie vor Datenverlust durch Cyberattacken. Das Rechenzentrum der Dalhousie University etwa (mit ihren 20.000 Studierenden) blockiert täglich 800.000 Spam-Mails. Die British Library arbeitet seit einem verheerenden Hacker-Angriff vergangenen Oktober immer noch an der Wiederherstellung wertvoller Daten. Leider seien es häufig DH-Projekte, die den Weak Link ins Unisystem darstellen, da ältere Online-Projekte oftmals keine Updates mehr durchlaufen. Der Nachhaltigkeit solcher Projekte abträglich seien zudem schlechte Dokumentation und ein erschwerter Zugang zu Fördermitteln. Was also tun? Zielführend seien gemeinsame, interdisziplinäre Projekte, die auf bestehenden Tools aufbauen, und vor allem gemeinsame Metadaten-Standards innerhalb der Community. Jennifer Bain schloss zuversichtlich: „The future of Digital Musicology looks bright. Let us be more intentional.”

Ein solches verheißungsvoll-intentionales Projekt stellte Ichiro Fujinaga abschließend in einem interaktiven Workshop vor: LinkedMusic. Dessen Ziel ist es, von einer Website aus in verschiedenen Musikdatenbanken suchen zu können, und zwar ausdrücklich auch in anderen Sprachen als Englisch. Die Herausforderung dabei: Die 14 verbundenen Datenbanken haben 14 inkompatible Datenbankstrukturen. Integrierte Bestandteile von LinkedMusic sind u. a. Linked Open Data, Semantic Web (für Interoperability und Data Integration), der RDF-Standard, die SPARQL Language sowie OpenRefine zur Bereinigung und Konvertierung von Daten.

Abb. 4: 14 Datenbanken in LinkedMusic
Abb. 4: 14 Datenbanken in LinkedMusic

Quintessenz

Quinte

Was nehme ich von der Konferenz mit? Einen vollen Kopf, eine Liste an Mailadressen, viele offene Google-Tabs und noch mehr offene Fragen, etliche Forschungsideen und sogar schon Angebote für Forschungsaufenthalte an der Stanford University und der McGill University. In jedem Fall waren meine Erlebnisse auf der ECHOES24 überaus positiv, vor allem geprägt durch das angenehme Konferenzklima (sowohl zwischenmenschlich als auch meteorologisch). Dazu beigetragen haben allem voran das ehrliche Interesse der Teilnehmenden und die wertschätzende Feedback-Kultur, die in dieser Form insbesondere für Promovierende wünschenswert ist.

Abb. 5: Ein Kalauer am Ende des Vortrags leitete zur Diskussion über.
Abb. 5: Ein Kalauer am Ende des Vortrags leitete zur Diskussion über.

 

Der Autor dankt dem DHd-Verband für die Ermöglichung der Konferenzteilnahme durch das Reisekostenstipendium für DH-nahe Tagungen (Sommer 2024).

Kontakt: lucas.hofmann@uni-wuerzburg.de

 

[1] Hugo Distler, „O Heiland, reiß die Himmel auf“, in: Der Jahrkreis op. 5, Kassel 1933, S. 8, Beginn.

Konversationen im digitalen Raum: Eine Analyse der DHd 2024 auf Mastodon

2024年4月2日 19:25

Dieser Beitrag ist im Rahmen meines Reisestipendiums für die DHd 2024 vom 26. Februar bis 1. März 2024 entstanden. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal bei NFDI4Culture und den Organisatoren bedanken, die mir durch dieses Stipendium die Teilnahme an der Konferenz ermöglicht haben.

DALL·E 3: „A detailed panorama of a workspace dedicated to digital humanities data analysis, in landscape mode. The desk is cluttered with notes, charts, graphs, and digital devices. A Jupyter Notebook is open, displaying code and statistical data. Symbols of digital communication, including social media icons related to Mastodon, are scattered around. A large digital screen in the background shows a complex network of connections with the hashtag #dhd2024, symbolizing the digital humanities ecosystem. The scene conveys an immersive research environment, focusing on discovering patterns and insights within digital humanities.“

In diesem Konferenzbericht wenden wir uns einem eher unkonventionellen Untersuchungsgegenstand zu: den Diskussionen innerhalb der Digital Humanities auf Mastodon, markiert durch den Hashtag #dhd2024. Die Analyse zielt darauf ab, die digitale Resonanz auf die DHd 2024 zu kartografieren, indem die Dynamik der Konversationen, die führenden Stimmen, die zeitlichen Muster der Interaktion und die vorherrschenden Themen untersucht werden. Ein Jupyter Notebook, das als Teil dieses Berichts erstellt wurde, sucht nach Mustern und Einblicken in die Art und Weise, wie die Community kommuniziert, welche Themen besondere Aufmerksamkeit erregen und wie sich die Diskussionskultur innerhalb eines digitalen Ökosystems wie Mastodon entwickelt. Vier Fragen sind von Interesse: Wie gut wurde diskutiert? Wer hat am meisten diskutiert? Wann wurde am meisten diskutiert? Und vor allem: Worüber wurde am meisten diskutiert?

Dazu werden unter anderem die Informationen aus dem Programm der DHd 2024 verwendet, um sogenannte Prompts zu generieren, die an das LLM weitergeleitet werden. Für jeden Beitrag wird geprüft, welche Sessions zeitlich mit dem Veröffentlichungsdatum des Toots übereinstimmen. Ziel ist es, nur die Sessions zu berücksichtigen, die zum Zeitpunkt des jeweiligen Toots stattgefunden haben (und damit das Context Window des LLMs nicht zu überschreiten).

Das Jupyter Notebook ist auf GitHub verfügbar. Alle Statistiken der Mastodon-Toots können dort eingesehen und zur eigenen Analyse geklont werden.

Unter dem Big Tent der Digital Humanities: Ein Einblick in die DHd 2024

2024年3月7日 20:26

Im Idealfall zeichnet sich eine Konferenz durch vielfältige Einblicke, neue Erlebnisse und ein reichhaltiges Wissensspektrum aus, während kluge Köpfe und ihre Ideen sich an einem Ort – sei es im Hörsaal oder im eigenen Geist – versammeln. Nach einer Woche solcher intensiven Eindrücke kann es durchaus vorkommen, dass der Kopf vor lauter Impressionen zu rauchen beginnt. Mir erging es nicht anders nach meiner Teilnahme an der diesjährigen DHd-Konferenz in Passau.

Mit dem Ziel, das komplexe Spektrum der Digital Humanities, auch als Big Tent[1] oder in der Closing Keynote als Big Cloud[2] bezeichnet, besser zu durchdringen, führte ich aufschlussreiche Interviews mit einigen Teilnehmenden durch (herzlichen Dank an dieser Stelle für die Teilnahme). Dabei setzte ich meine eigene Wahrnehmung in Bezug zu den Perspektiven der Interviewpartner*innen. In Gesprächen mit verschiedenen Teilnehmenden konzentrierte ich mich auf drei prägnante Fragen, stets im Sinne von „Weniger ist mehr“ und einer pragmatischen Ausrichtung auf das Wesentliche.

Diese persönlichen Dialoge verfolgen nicht nur das Ziel, inhaltliche Höhepunkte der Konferenz zu dokumentieren, sondern auch individuelle Perspektiven und Meinungen einzufangen. Auf diese Weise entsteht ein umfassendes Bild der DHd-Konferenz, das über den bloßen Ablauf hinausgeht und die Vielschichtigkeit der Veranstaltung widerspiegelt.

  1. Welche drei Keywords beschreiben für dich die Konferenz?

Drei Schlüsselbegriffe zur Konferenz kristallisierten sich heraus, wobei die Stichwörter „generative KI“ und „LLM“ besonders häufig genannt wurden. Die überwiegende Mehrheit der Befragten charakterisierte die Konferenz als äußerst divers und herausragend interdisziplinär. Auffallend ist, dass das Publikum nicht nur durch seine ausgeprägte Diskussionsbereitschaft beeindruckte, sondern auch ein beträchtliches Vorwissen (vor allem in den Workshops) mitbrachte.

Die präsentierten Stichpunkte verdeutlichen den Informationsgehalt der Veranstaltung, deren Kernpunkte durch die Schlagwörter „it’s connecting,“ „heterogen,“ und „Fächerverhältnis“ treffend umschrieben werden können. Es wurde betont, dass, obwohl ähnliche Diskussionen jedes Jahr stattfinden, die diesjährige Tagung durch eine erhebliche Anzahl an Neuigkeiten geprägt war.

Die Themenschwerpunkte erstreckten sich dabei über LLM- und Transformer-Technologien bis hin zu kulturellen Aspekten, Nachnutzbarkeit und Nachhaltigkeit der generierten Daten. Ebenfalls im Fokus standen Diskussionen zu Künstlicher Intelligenz (KI) und Vertrauen sowie dem Verhältnis der Fachgebiete im umfassenden Kontext des Big Tents. Zudem spielte der Themenkomplex der Nachhaltigkeit eine maßgebliche Rolle.

Am Ende dieses Beitrags steht eine Wordmap mit Begriffen aus den Konferenztiteln und den genannten Inhalten der Interviewpartner*innen zur Verfügung. Wer mag, kann gerne einen Vergleich anstellen, um Parallelen zu erkennen.

  1. Was war für dich unerwartet oder spannend?

Für mich persönlich erwiesen sich die Abweichungen in der Workshop-Gestaltung im Vergleich zu den Erwartungen als unerwartete, sehr positive Aspekte. Ein herausragendes Beispiel hierfür war die eigenmächtige Beschädigung eines Collaborative Tools (Google Colab) durch die Workshopleitung während des Workshops, was erneut die hohe Spontaneität und lösungsorientierte Arbeitsweise in den Digital Humanities verdeutlichte. Insgesamt wurden die Workshops durchgehend als aufschlussreich und bereichernd beschrieben. Besonders beeindruckend war die disziplinierte Teilnahme aller Workshop-Teilnehmer, die bereits um 9 Uhr anwesend waren, so die Workshop-Leitung.

Der Aspekt der LLM und generativen KI tauchte vor einiger Zeit als neues Thema auf, was für alle Beteiligten Neuland bedeutete und zu intensiven Diskussionen sowie überraschend starken emotionalen Reaktionen führte. Das Unklare und Unerwartete in diesem Kontext unterstreicht die Dynamik und Vielschichtigkeit der Veranstaltung.

Spannend waren für die meisten Interviewees die Vorträge über die Nutzungsanwendungen von Transformer-Architekturen und Chatbots. Besonders fesselnd gestaltete sich die Fishbowl-Diskussion, die nicht nur durch das innovative Format beeindruckte, sondern auch durch den Gehalt selbst. Sie verschaffte ein neues Verständnis für die zukünftige Entwicklung der Digital Humanities – ein „Quo Vadis“ der Disziplin.

Faszinierend war zudem die Beobachtung, dass sich die Forschungsfragen vermehrt über Digitale Editionen hinausbewegen und weiterführende Analysen der Forschungsdaten in den Mittelpunkt rücken, wie auch in der Keynote bemerkt wurde.

  1. Hast du einen Tipp für Digital Humanists, die am Beginn ihrer Karriere stehen?

Auswahl der Empfehlungen der Interviewpartner*innen:

„Besucht Konferenzen, präsentiert eure Arbeit und lasst euch nicht abschrecken. Jeder fängt irgendwo an.“ – Clemens

„Nehmt alles mit, was ihr kriegen könnt.“ – Linda

„Ausprobieren und aktiv teilnehmen.“ – Lina

„Sucht euch einen Platz im Big Tent und lasst euch nicht von der Überwältigung entmutigen, sonst könnte es frustrierend werden.“ – Manuel

„Bewerbt euch, wenn möglich, um Stipendien und Posterpräsentationen und versucht, Anschluss zu finden. Habt keine Scheu.“ – Martina

„Engagiert euch im Dialog, sprecht mit Menschen und ergreift aktiv die Initiative.“ – Martin

Fazit

Über die Fülle und Dynamik der DHd-Konferenz könnte ich hier noch lange schreiben, doch möchte ich lieber die beeindruckende Visualisierung durch die Wordmap für sich stehen lassen. Der Besuch einer solchen Veranstaltung, besonders für Neulinge in einem Fachgebiet, offenbart eine wahrhaft bereichernde Erfahrung. Somit möchte ich mich herzlich bei NFDI4Culture bedanken, dass sie mir die Teilnahme an der Konferenz ermöglicht haben.

Wordmap aus Vortragstiteln der DHd2024

[1] Patrik Svensson: Beyond the Big Tent. In: Debates in the Digital Humanities, 2012, pp. 36-72, URL:

https://www.jstor.org/stable/10.5749/j.ctttv8hq.7 (Zugriff 07.03.2024)

[2] Begriff von Michaela Mahlberg aus der Closing Keynote der Konferenz am Freitag, 01.03.2024. URL: https://dhd2024.dig-hum.de/programm-events/

Kleines Gedicht als Bonus:

Menschen, die wie Wellen aus Hörsälen rauschen

große Fragen – kleine Pausen

hello world



Julia Hintersteiner

Que Sera, DH? Ein Bericht von der DHd 2024 in Passau

2024年3月5日 19:00

Passau, wir schreiben das Jahr Zweitausendundvierzehn. Irgendwo fällt ein Bit vom Baum. Eine Geisteswissenschaftlerin bleibt verwundert stehen, hebt es auf und betrachtet es von allen Seiten – was lässt sich damit wohl alles anstellen?

Passauer Stadtansicht mit dem Fluss Inn.
Passau im Jahr 2024. Foto: CC-BY Sophie Schneider, Passau 27.02.24

Passau, 2024. Es hat sich eine Traube gebildet. Vereinzeltes Kopfschütteln, aber auch viel Zustimmung und Unterstützung. Getuschel, was hat man gemeinsam, wo liegen die Unterschiede? Hier und da ein Werkzeugkoffer, Brücken werden gebaut und erste Tests am unbekannten Untersuchungsobjekt durchgeführt. Begeisterung und Tatendrang liegen in der Luft. Sie nennen sich jetzt “Digital Humanists”. Naja, nicht alle. Aber viele – und es werden immer mehr. Wie geht es weiter (und war es wirklich genau so)?!

Quo Vadis

Gut, dass es RaDiHum20 gibt und wir somit nicht nur mit Unterhaltung für die teils sehr lange Bahnfahrt versorgt wurden, sondern auch der Erinnerung an die zurückliegenden Tagungen auf die Sprünge geholfen wurde (es gab übrigens auch ein strahlend schönes Poster). Parallel wurden die Tagungen 2014-2024 in einzelnen Beiträgen ausgewertet und analysiert: DHd Chronicles, Wer mit wem … und wo? Eine szientometrische Analyse der DHd-Abstracts 2014 – 2022 und Quo Vadis Fachbereiche und Schulen der DHd: Netzwerkanalyse der DHd Abstracts 2014-2023. In der Fishbowl wurde zudem viel diskutiert: Wer oder was ist DH, brauchen wir DH als Label, sind wir eine Disziplin? Was blieb über die Zeit bestehen, was ist gegangen und was kam neu dazu? Hilft uns die “Big Tent”-Metapher in der weiteren Ausdifferenzierung des Feldes – oder schadet sie womöglich sogar?

Die Ladenfront des Geschäfts "Dies und Das Geschenkartikel". In den Vitrinen: unterschiedlichste Objekte/Souvenirs (z.B. Schilder, Figuren, Schlüsselanhänger), sortiert nach Art des Gegenstands.
DH als Big Tent – durcheinander und dennoch sortiert? Foto: CC-BY Sophie Schneider, Passau 28.02.24

Diese Fragen sind nicht neu, müssen aber immer wieder neu gestellt und ausgehandelt werden. Letztlich geben auch die DHd-Jubiläums-Analysen Rückschluss auf einige der Punkte: DH ist, wer da ist (Patrick Sahle, damals noch über die blaue Brieftaube), aber eben insbesondere auch, wer wiederkommt und disziplinenübergreifend zusammenarbeitet. Insofern freute ich mich schon sehr auf das Wiedersehen mit vielen netten Kolleg:innen aus unterschiedlichen Kontexten (u.a. FH Potsdam, DHI Paris, BBAW/TELOTA bzw. allgemein #dhberlin) und den vergangenen DHd Konferenzen (z.B. mit Nadine Sutor, die schon 2020 im Blogpost „Ich kenn‘ dich von Twitter“ // #DHd2020 über unser Kennenlernen berichtete – wie gesagt, seitdem ist viel passiert in der (Social Media) Welt) und natürlich auch auf viele erste Begegnungen.

KI und neue Realitäten

Wie zu erwarten, waren KI und speziell LLMs eines der vorherrschenden Themen auf der DHd 2024 (sicher auch vor dem Hintergrund der neu gegründeten AGKI-DH). Gefreut hat mich, dass das Thema ganz unterschiedlich behandelt und auch kontrovers diskutiert wurde. Hier fehlt mir manchmal noch die kritische Auseinandersetzung, im Sinne einer “Kritik der digitalen Vernunft”. Nennenswert fand ich den Vortrag Vertrauen in die Wirklichkeit – AI, Trust und Reliability in den Digital Humanities, bei dem u.a. die Bedeutung, Erzeugung und Erkennung von Abbildern bzw. Fälschungen im Bereich des Kulturerbes thematisiert wurden. Auch bei uns an der Staatsbibliothek wurde im letzten Jahr ein Referat Data Science gegründet, in dem wir uns innerhalb verschiedener Projekte mit Künstlicher Intelligenz bzw. Maschinellem Lernen befassen – z.B. im aktuell laufenden Projekt Mensch.Maschine.Kultur. Mit Konstantin Baierer waren wir im Kontext von OCR-D vertreten (in den Workshops Edierst Du noch oder trainierst Du schon? Forschungsdaten als Grundlage von Trainingsdaten für die automatische Texterkennung sowie Das richtige Tool für die Volltextdigitalisierung). Zusätzlich konnte ich vielfältige Inspirationen sammeln, was über die bereits bei uns entwickelten Maschinellen Lernverfahren (z.B. für Named Entity Recognition und Linking oder Bildähnlichkeitssuche) hinaus noch alles mit den historischen Werken und Zeitschriften in unserem Bestand (z.B. aus den Digitalisierten Sammlungen oder dem Zeitungsinformationssystem ZEFYS) möglich ist.

The future’s not ours to see

Zum Glück hatten wir aber im Posterslam Besuch aus der Zukunft (s.a. das Poster „Roads? Where we’re going, we don’t need roads.“ Die Zukunft des Publizierens). Letztlich geht es im Kern wohl darum, experimentelle Ansätze und Fragestellungen auszutesten, mehr aus dem Bekannten auszubrechen und sich auf unsicheres Terrain zu wagen – Scheitern gehört dazu. Innovation und entsprechende Hürden können dann z.B. schon bei der Datensammlung entstehen, wie etwa im Vortrag „Da schunklet älli mit“ – Sammlung und Erforschung dezentraler Kulturdaten der schwäbisch-alemannischen Kneipenfastnacht des Doctoral Consortiums anschaulich dargelegt wurde. Ein noch relativ junges DH-Thema sind zudem die Digital bzw. Computational Games Studies, welche auf der diesjährigen DHd vergleichsweise stark vertreten waren (z.B. mit der AG Spiele oder den Vorträgen Katalog und Textkorpus zu Diskettenmagazinen der 1980er und 1990er (Re-)Digitalisierung frühen digitalen Kulturerbes sowie Computational Game Studies? Drei Annäherungsperspektiven). Während ich mich über diese Entwicklungen sehr freue, frage ich mich, wie wir ganz allgemein noch unbekannte, aber potentiell relevante Forschungsbereiche erschließen und mehr bestehende Vertreter:innen unterrepräsentierter Bereiche für die DH begeistern können. Auch das schien mir ein wichtiges Thema auf der DHd 2024 gewesen zu (u.a. „Digital Humanities interessieren uns nicht, das haben wir schon ausgeforscht“ – Resonanz der DH am Beispiel der Theologie) und wird uns wohl noch weiter beschäftigen – gerade mit Ausblick auf die nächsten 10 Jahre Digital Humanities im deutschsprachigen Raum.

Passau, 2034. To be continued…

Berichte von DH2023 ADHO Conference Bursary Award Empfänger*innen

2023年11月19日 23:17

As one ADHO’s constituent organizations and sponsor of DH2023 the Association for Digital Humanities in the German Speaking Areas (DHd) congratulates all recipients of ADHO-Travel bursaries for DH2023 at Graz (Austria). To promote these bursaries and to encourage applications in coming years DHd has asked recipients from the German speaking areas to write individually short blog posts about their experiences.

These posts are part of the series (German and English):

Enjoy reading and consider applying for ADHO-travel bursaries for DH2024 (Washington)!

Also DHd-offers travel bursaries for its annual conference and (new) independent travel bursaries.

Bericht von der DH2023 Graz (ADHO-Travel Awards)

2023年11月19日 23:13

Autorin: Ruth Sanders (BBAW)

As one ADHO’s constituent organizations and sponsor of DH2023 the Association for Digital Humanities in the German Speaking Areas (DHd) congratulates all recipients of ADHO-Travel bursaries for DH2023 at Graz (Austria). To promote these bursaries and to encourage applications in coming years DHd has asked recipients from the German speaking areas to write individually short blog posts about their experiences. This post is part of the series.

Seit 2021 bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und arbeite als Entwicklerin in der Abteilung TELOTA (The Electronic Life Of The Academy) an digitalen Editionen. Im Rahmen des DFG-Projekts „Der deutsche Brief im 18. Jahrhundert“ entwickle ich u. a. die Suchfunktionen von correspSearch weiter. Im Juli 2023 erhielt ich die Möglichkeit an der DH2023 in Graz teilzunehmen und correspSearch vorzustellen, einen Webservice, der die Suche nach historischen Briefen unterstützt. Es war für mich die erste DH-Konferenz und ich hatte das Glück eine der Stipendiat:innen des ADHO-Travel Bursary zu sein. Mit diesem Stipendium wird die Teilnahme junger Wissenschaftler:innen an dieser internationalen Tagungen gefördert. Dies umfasste eine Pauschale für Reisekosten und eine Einladung zum Conference Banquet.

Die DH2023 hatte viel zu bieten. Ganz oben auf der Liste stand die Möglichkeit sich mit Kolleg:innen aus der ganzen Welt zu vernetzen. Zwischen den Sitzungen, während des gemeinsamen Abendessens, in der Straßenbahn oder in der Eisdiele, jede:r war immer bereit ins Gespräch zu kommen. So lernte ich in kürzester Zeit Digital Humanists aus Kanada, den USA, Schottland, England, Hongkong und Finnland kennen und erfuhr von den verschiedensten Projekten. Als Neuling in den Digital Humanities beschleicht einen schnell das Gefühl, dass sich alle kennen. Die Tagung war daher der perfekte Ort, um Anschluss zu finden. Insbesondere den Austausch mit den promovierenden Teilnehmer:innen fand ich prägend. Ich finde es immer sehr spannend zu erfahren, wie andere zu den Digital Humanities gekommen sind und was sie noch alles vorhaben. Ich konnte die Motivation und Neugier förmlich spüren.

Es wurde natürlich nicht nur Eis gegessen und erzählt. Auch das Programm der Konferenz war überwältigend und anregend. In sieben parallelen Sitzungen, die sich an drei Tagen von morgens bis abends erstreckten, konnte ich Vorträge besuchen, die mit meiner Arbeit zu tun hatten, aber auch Einblicke in andere, mir weniger bekannte Bereiche gewinnen. Besonders interessant fand ich die Sitzungen zu ‚Networks and graphs‘ und ‚Gender asymmetries‘. Für mich ganz neue Themen wurden wiederum in der Sitzung ‚Geospatial methods‘ besprochen, z. B. die digitale Rekonstruktion der Fassaden von Venedig. Das Gleiche galt für die Workshops vor der Konferenz. Ich kann allen nur empfehlen an so vielen Workshops wie möglich teilzunehmen. Sie sind eine großartige Möglichkeit, neue Fähigkeiten zu erlernen (in Bezug auf Methoden, Werkzeuge, Denkweisen usw.), und sie sind der perfekte Einstieg in den Wirbelwind des Wissens, der die DH-Konferenz ist.

Eindrücke von der DH2023 – Austausch und Inspiration

2023年11月17日 01:20

Als eine der ADHO-Mitgliedsorganisationen und Sponsor der DH2023 gratuliert der Verein
Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) allen Empfänger*innen der ADHO-Reisestipendien für die DH2023 in Graz (Österreich). Um die Stipendien bekannter zu machen und um Bewerbungen in den kommenden Jahren zu fördern, hat der DHd die Stipendiat*innen aus dem deutschsprachigen Raum gebeten, jeweils einen kurzen Blogbeitrag über ihre Erfahrungen zu schreiben. Dieser Beitrag ist Teil der Serie.

Mit großzügiger Unterstützung durch eines der Reisestipendien reiste ich von Darmstadt nach Graz, um an der DH2023 teilzunehmen – meiner ersten ADHO-Jahreskonferenz. Ich begann meine Konferenzwoche bei strahlendem Wetter mit einem Workshop über Werkzeuge und Strategien zur Datenvisualisierung, bevor ich am Dienstagabend an der Eröffnungskeynote und dem Empfang teilnahm. Im Innenhof des Messegeländes genossen wir einen schönen Sommerabend und die Gelegenheit, Freunde wiederzutreffen und neue Kontakte zu knüpfen.

Höhepunkte des Mittwochs, des ersten „richtigen“ Konferenztages, waren eine Session zu Literaturwissenschaft, meinem Arbeitsschwerpunkt, und ein langer Spaziergang durch die Postergalerie. Am Donnerstag konnte ich mir einige spannende Vorträge über Natural Language Processing und Sprachmodelle anhören, bevor ich in der letzten Session des Tages einen eigenen Vortrag halten durfte – mein erster Vortrag überhaupt auf einer Konferenz. Nach dem erfolgreichen Vortrag konnte ich zusammen mit allen anderen Empfänger*innen der Reisestipendien beim Konferenzdinner im Restaurant auf dem Schlossberg feiern.

Am Freitag gab es weitere Sessions zu Literaturwissenschaft, die ich nutzen konnte, um mich weiter mit Kolleg*innen aus nah und fern auszutauschen. Ich habe viel Inspirationen und neue Denkanstöße zu aktuell verwendeten Methoden und derzeit diskutierten Themen mitgenommen und verlasse diese DH-Konferenz motiviert und stolz auf meine erste Präsentation. Ich bin auch sehr dankbar für all die Menschen, die ich treffen und wieder treffen konnte, und ich freue mich darauf, in Zukunft mit einigen von ihnen zusammenzuarbeiten. Die Organisation und der Veranstaltungsort der Konferenz waren ausgezeichnet, auch in den Pausen wurden wir gut versorgt. Ich möchte mich bei den Unterstützer*innen der Reisestipendien bedanken und kann allen Early Career Researchers nur empfehlen, sich zu bewerben. Ich freue mich schon auf die nächsten DH-Konferenzen in Washington D.C. und Lissabon!

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