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Received yesterday — 2026年8月10日

Computational Literary Studies auf der DH-Konferenz 2026

2026年8月10日 16:48

Die Computational Literary Studies (CLS) haben sich in den letzten Jahren als wichtige Teildisziplin im Umfeld der Digital Humanities (DH) etabliert. Die Relevanz der CLS wird nicht zuletzt auf den DH-Konferenzen sichtbar, die von der Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO) ausgerichtet werden, alljährlich stattfinden und die DH-Community in ihrer ganzen Breite und Vielfalt zusammenbringen. Auch auf der DH-Konferenz 2026, die in Daejeon (Südkorea) unter dem Motto „Engagement“ vom 27. bis 31. Juli stattfand, waren die CLS präsent. Ziel dieses Blogposts ist, einen Überblick über CLS-Beiträge und -Trends auf der DH2026 zu geben (für einen ähnlichen Blogpost zu den DHd-Konferenzen siehe Guhr 2025). Ein Schwerpunkt meines Beitrags liegt auf einer besonders wichtigen DH- und CLS-Tendenz der letzten Jahre: der zunehmenden Auseinandersetzung mit Large Language Models (LLMs).

Quantitatives

Das Book of Abstracts zur DH2026 umfasst 513 Beiträge: Short und Long Paper, Poster, Workshops und Mini-Konferenzen (vgl. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909). Davon verorteten sich 137 (27%) im Feld der ‚Literary Studies‘.1 Somit zählten die Literaturwissenschaften zu den prominentesten Disziplinen auf der DH-Konferenz (zum Vergleich: ‚History‘ = 155 Beiträge; ‚Library & Information Science‘ = 110 Beiträge; ‚Computer Science‘ = 99 Beiträge; ‚Linguistics‘ = 83 Beiträge; ‚Art History‘ = 53 Beiträge).

Die 137 ‚Literary Studies‘-Beiträge auf der DH2026-Konferenz stammen von 386 Autor:innen. Tab. 1 zeigt, mit welchen Ländern die Autor:innen affiliiert sind. Sofort wird die große Zahl von CLS-Forscher:innen aus Deutschland deutlich: Es gab kein anderes Land, mit dessen Forschungsinstitutionen mehr Autor:innen affiliiert waren.2 Am zweitmeisten Forscher:innen kamen, wenig überraschend, aus den USA. Auffällig, und gegebenenfalls durch den Konferenzort bedingt, war daneben die große Zahl von Autor:innen aus asiatischen Ländern (Südkorea, Japan, China, Hong Kong).

LandAnzahl Autor:innenAnteil
Deutschland780.2
USA630.16
Südkorea560.15
Japan330.09
China270.07
Frankreich170.04
Kanada160.04
Hong Kong130.03
Rumänien120.03
United Kingdom100.03
Tab. 1: Affiliationen der 386 Autor:innen von ‚Literary Studies‘-Beiträgen auf der DH2026

Blickt man auf die ‚Keywords‘, die den 137 ‚Literary Studies‘-Beiträgen der DH2026-Konferenz zugeordnet waren (Tab. 2), zeigt sich vor allem die große Relevanz von LLMs. Würde man Keywords wie ‚Artificial Intelligence‘ (5 Beiträge) oder ‚Generative AI‘ (4 Beiträge) ebenfalls den LLMs zurechnen, wäre ihr Anteil sogar noch größer. Die Daten weisen darauf hin, dass sich auch auf der DH2026 der Trend zur Auseinandersetzung mit LLMs niederschlug, der die DH und die CLS in den letzten Jahren insgesamt kennzeichnet. Daneben weisen die Keywords darauf hin, dass weiterhin grundlegende Ressourcen- und Datenfragen eine Rolle spielen (TEI, Metadata, Linked Open Data). Zudem finden sich auf etwas niedrigeren, in Tab. 2 nicht mehr repräsentierten Rängen etablierte Methoden bzw. Ansätze wie ‚Topic Modeling‘ oder ‚Stylometry‘ (jeweils vier Beiträge) sowie ‚Knowledge Graph‘, ‚Sentiment Analysis‘ und ‚Annotation‘ (jeweils drei Beiträge), die nach wie vor zum Einsatz kommen.

KeywordAnzahl BeiträgeAnteil
Large Language Models220.16
Computational Literary Studies140.1
Digital Humanities110.08
Natural Language Processing90.07
TEI70.05
Metadata60.04
Cultural Analytics60.04
Artificial Intelligence50.04
Linked Open Data50.04
Intertextuality100.04
Tab. 2: Keywords der 137 ‚Literary Studies‘-Beiträge auf der DH2026

Einzelne Veranstaltungen und Beiträge

Die ersten zwei Tage der DH-Konferenz waren wie üblich für Workshops und Minikonferenzen reserviert. Aus CLS-Perspektive war das Treffen der Special Interest Group ‚Digital Literary Studies‘ (SIG-DLS) am Dienstagnachmittag von besonderem Interesse (https://dls.hypotheses.org/2318). Die SIG-DLS ist eine von elf Special Interest Groups der ADHO und „brings together researchers from different perspectives to discuss theoretical, methodological and technical issues of doing digital literary studies, share resources, and organize events and initiatives“ (https://dls.hypotheses.org/). Das Treffen bestand aus einer Serie von Lightning Talks und einer anschließenden Postersession. Deutlich wurde die große Vielfalt der untersuchten Gegenstände und genutzten Methoden. Das Spektrum reichte von der Analyse formaler Merkmale galicischer Lyrik (Pablo Ruiz Fabo) über die Auswertung von Korrespondenzbeziehungen zwischen DDR-Autor:innen mittels Netzwerkanalyse (Marco Lorenz) oder die Differenzierung verschiedener Kanonizitätsindikatoren für englischsprachige Literatur (Haruka Tsutsui) bis hin zum Vergleich von Word Embeddings je nachdem, ob sie auf Texten von Charles Dickens oder anderen englischsprachigen Autor:innen beruhen (Tomoji Tabata). Auch LLMs spielten eine Rolle: Silvia Lilli untersuchte, inwiefern GPT 5.2 plausible Analysen literarischer Texte generieren kann und wie sich die LLM-Outputs verbessern lassen, indem man dem Modell Annotationen bereitstellt; Jenny Kwok ging darauf ein, inwieweit LLMs relevante Kontexte für literarische Texte identifizieren können, die dann wiederum das manuelle Close Reading bereichern; Kohei Furuya widmete sich der Autorschaftsattribution durch LLMs im Kontext englisch-japanischer Übersetzungen.

Unter den Keynotes war besonders diejenige von Maciej Eder einschlägig für die CLS. Eder sprach stellvertretend für die Computational Stylistics Group bzw. das Team hinter dem Stilometrie-Tool stylo, die den Zampolli-Preis 2026 erhalten hatten (https://adho.org/2025/07/16/2026-antonio-zampolli-prize/). Er stellte unter anderem die Arbeit der Gruppe sowie das Tool stylo vor, präsentierte eine exemplarische Analyse zu Stilunterschieden in der Rede von Dramenfiguren (Šeļa et al. 2024) und betonte vor allem, dass Projekte und Initiativen nicht unbedingt mit einer umfassenden finanziellen Förderung, einer formalisierten Organisationsstruktur und/oder einer ‚großen Idee‘ starten müssen, sondern sich auch oder sogar am ehesten ‚bottom up‘, in kleinen Schritten entwickeln können.

Die einzelnen Konferenzsessions waren nicht spezifischen Methoden oder Disziplinen zugeordnet, sodass reine CLS-Sessions die Ausnahme blieben. Die erhebliche methodische und thematische Heterogenität der Sessions könnte man in einem positiven Sinn als Beitrag zum Austausch und zur Verknüpfung innerhalb der mittlerweile stark ausdifferenzierten DH-Community begreifen; andererseits erschwerte die Uneinheitlichkeit der Sessions, kohärente Diskussionszusammenhänge entstehen zu lassen. Trotz allem lassen sich einige übergreifende Tendenzen der CLS-Beiträge ausmachen. Dabei gilt, wie bereits im Fall des SIG-DLS-Treffens, dass dieser Blogpost exemplarisch bleiben muss. Ich beschränke mich auf drei Punkte:

(1) Mehrere Beiträge haben sich neuen, überarbeiteten und/oder erweiterten Tools, Korpora und Infrastrukturen und damit den Grundlagen der CLS-Analyse gewidmet. Henny Sluyter-Gäthje hat beispielsweise eine Sammlung von Ecocriticism-Korpora vorgestellt (https://ecocor.org/), die technologisch an DraCor anknüpft (Trilcke et al. 2026). DraCor selbst, eine besonders wichtige Plattform für Dramenkorpora in verschiedenen Sprachen (https://dracor.org/), war ebenfalls auf der Konferenz vertreten (Giovannini et al. 2026) und wurde auch von Eder in seiner Keynote als hilfreiche Ressource hervorgehoben. Zu nennen ist des Weiteren das GOLEM-Korpus, das aktuell erarbeitet wird und Fanfiction in sieben Sprachen (allerdings nicht Deutsch) sowie diverse Annotationen (z. B. Koreferenzen, Figuren, Events) enthält (Pianzola 2026; Yang/Pianzola 2026).

(2) Auffallend viele Vorträge haben sich mit der manuellen und automatisierten Emotions- und Sentimentanalyse befasst. Untersucht wurden unterschiedlichste Textsorten und Sprachen: von koreanischer Gegenwartslyrik (Lim/Kim 2026) über russische Kurzprosa des 20. Jahrhunderts (Kirina 2026) bis zu – jenseits der Literatur – historischen Zeitschriften (Brozic 2026) und persönlichen Holocaust-Zeugnissen (Neovesky et al. 2026). Insgesamt zeigten sich die Sentiment- und Emotionsanalyse als etablierte Ansätze der CLS und DH, wobei ein hohes Bewusstsein für konzeptuelle Unterscheidungen wie der zwischen Sentiment und Emotion oder diskreter versus dimensionaler Emotionsmodelle bestand.

(3) Diverse Beiträge haben sich, wie bereits angedeutet, mit LLMs auseinandergesetzt. Der Einsatz von LLMs zur automatisierten Annotation kann mittlerweile als etabliert gelten und spielte für zahlreiche Vorträge und Poster eine Rolle. Daneben war auffällig, dass sich viele Beiträge auch mit den generativen Aspekten von LLMs befasst haben, insbesondere mit der Frage, wie sich LLM-generierte literarische Texte von menschlichen unterscheiden. Durchgespielt wurde dies etwa anhand von englischsprachigen K-Pop Lyrics (Florescu/Dinu 2026) sowie der Literatur Han Kangs (Lee et al. 2026), Xin Qijis (Liao et al. 2026) und Leopold Trymands (Rykowska 2026). Betont wurde in allen Fällen, dass LLMs die menschlichen Texte nicht exakt nachahmen können, sondern Unterschiede bestehen bleiben. Auf einer allgemeineren, die eigene Forschung betreffenden Ebene haben mehrere Beiträge zudem betont, dass die Arbeit mit LLMs nicht dazu führen dürfe, relevante Entscheidungen auf eine Weise zu delegieren, die Forscher:innen in zentralen konzeptionellen und interpretativen Fragen von den Modellen abhängig werden lasse. Stattdessen sei wichtig, als Mensch die ‚epistemic agency‘ zu bewahren (vgl. jenseits reiner CLS-Kontexte etwa den Workshop von Hiltmann/Kim-Baumann 2026 sowie die Keynote von Kim Hyeon).

Insgesamt hat sich auf der DH-Konferenz 2026 abermals gezeigt, wie vielfältig und lebendig die CLS im Rahmen der DH sind. Vertreten waren Forscher:innen aus diversen Ländern, die sich mit unterschiedlichsten Texten und Sprachen befasst und dabei unterschiedlichste Methoden angewandt haben. Trotz aller Heterogenität lässt sich festhalten, dass ein anhaltender Schwerpunkt die Auseinandersetzung mit LLMs darstellt, die mittlerweile regelmäßig für Annotationsaufgaben verwendet, aber auch in ihrer textgenerativen Funktion untersucht werden.

Dank

Ich danke dem DHd-Verband, der mir durch ein Reisekostenstipendium die Teilnahme an der DH2026-Konferenz in Daejeon (Südkorea) ermöglicht hat.

Literaturverzeichnis

Brozić, Lucija (2026): „Sentiments toward Migrants and Minorities: Fine-Tuning Transformer Models for Sentiment Analysis of Historical Newspapers.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Florescu, Andra-Maria/Dinu, Anca Daniela (2026): „The ‘K’ Factor: Comparing Human and LLM-Generated English Lyrics in K-Pop.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Giovannini, Luca/Sluyter-Gäthje, Henny/Skorinkin, Daniil/Trilcke, Peer/Börner, Ingo/Fischer, Frank/Khilji, Tabeer (2026): „A Decade in Drama Research. Data Mining the DraCor Bibliography (2015–2025).“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Guhr, Svenja (2025): „Trends in den Computational Literary Studies bei den DHd-Jahrestagungen.“ DHd-Blog, 13.05.2025. https://dhd-blog.org/?p=22316.

Hiltmann, Torsten/Kim-Baumann, Noah Jefferson (2026): „Bringing Humanist Practices into AI – Establishing and Maintaining Sovereignty when Working with LLMs.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Kirina, Margarita (2026): „Annotating Data, Exploring Emotions: A Case of Russian Short Prose of the 20th Century.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Lee, Jae-Yon/Jang, MinHyeok/Jeon, Minguk/Moon, Ji-Seong/Kang, MinJin/Bae, Byung-Chull (2026): „From Poetic Prose to Science Fiction: Classifying and Generating Han Kang’s Literary Style via Computational Methods.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Liao, Zhewei/Xiao, Shuang/Sui, Shengnan/Han, Yafei/Lu, Quanyu (2026): „Large Language Models’ Capability Boundaries in Generating Xin Qiji’s Ci Poetry: A Humanistic Evaluation Study.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Lim, Iro/Kim, Byungjun (2026): „KPoEM: Visualizing Emotion Data in Modern Korean Poetry through a Web-Based Interface Prototype.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Neovesky, Anna/Brolich, Nina/Romeis, Finn/Menny, Anna/Geibel, Helena/Giesecke, Marc (2026): „Insight or Misrepresentation? A case study on sentiment analysis of personal accounts of the Holocaust.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Pianzola, Federico (2026): „The GOLEM Annotated Corpus for Computational Literary Studies.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Rykowska, Aleksandra (2026): „Can LLMs Imitate an Author’s Style? Comparative Stylometric Study of ChatGPT, Gemini, and Claude.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Šeļa, Artjoms/Nagy, Benedek/Byszuk, Joanna/Hernández-Lorenzo, Laura/Szemes, Botond/Eder, Maciej (2024): „From Stage to Page: Language Independent Bootstrap Measures of Distinctiveness in Fictional Speech.“ In: M. Andersen/N. Reiter (Hg.), Computational Drama Analysis. Reflecting on Methods and Interpretations, S. 149–166. Berlin: De Gruyter.

Trilcke, Peer/Barkey, Sören/Schumacher, Mareike/Börner, Ingo/Milling, Carsten/Skorinkin, Daniil/Sluyter-Gäthje, Henny/Haider, Thomas/Schwindt, Mark/Busch, Anna/Fischer, Frank/Funk, Clara/Giovannini, Luca/Helmig, Clara/Viebke, Gesine/Khilji, Tabeer/Käb, Corinna/Ottenberg, Bianca Linnea/Daniel, Rebecca (2026): „Introducing EcoCor: An Open Infrastructure for Digital Ecocriticism.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

Yang, Xiaoyan/Pianzola, Federico (2026): „Engaged Annotators: Developing a Multilingual Character Annotation Framework for Fiction.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909.

  1. Der Anteil entspricht in etwa dem Niveau der vergangenen Jahre: 2022 (https://github.com/ADHO/dh2022) = 25%; 2023 (https://doi.org/10.5281/zenodo.7961822) = 25%. Die Book of Abstracts der DH-Konferenzen 2024 und 2025 sind nur als PDFs zugänglich und wurden daher nicht ausgewertet. ↩
  2. Auch wenn man die Beiträge betrachtet, die nicht den ‚Literary Studies‘ zugeordnet waren, kamen am meisten Autor:innen aus Deutschland, gefolgt von den USA. ↩
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