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Karte, Wissensnetz, JSON: Wie der Datenatlas Sankt Aldegund funktioniert

作者Ben Thoma
2026年8月15日 04:02

Im ersten Teil dieser kleinen Serie begann alles mit einer Einwohnerzahl. Aus 549 wurden irgendwann 530, 526 und 580 – und aus der Frage nach der richtigen Zahl entwickelte sich Schritt für Schritt ein Datenmodell für meinen Heimatort Sankt Aldegund.

Damit entstand eine Grundlage, auf der sich sehr unterschiedliche Informationen miteinander verbinden lassen: Gebäude und Bauphasen, historische Ereignisse, Quellen, Koordinaten, Bevölkerungszahlen und Kulturorte.

Der nächste Schritt führte zurück zu dem, womit das Projekt ursprünglich einmal angefangen hatte: zur Gestaltung.

Wie wird aus all diesen Daten eine Oberfläche, auf der sich Zusammenhänge tatsächlich erkennen lassen? Wie lässt sich ein langgezogenes Moseldorf auf einer Karte erfassen? Wann hilft eine Linie, wann eine Zahl, wann ein Diagramm? Und an welchen Stellen lohnt sich auch einmal der Blick direkt in die Datenstruktur?

Genau dort treffen im Datenatlas Sankt Aldegund Datenmodellierung, Webentwicklung und Gestaltung aufeinander.

Ein Dorf zwischen Mosel und Steillage

Sankt Aldegund besitzt eine Form, die man auf der Karte sofort erkennt.

Der historische Ort zieht sich schmal zwischen Mosel und Hang entlang. Straßen, Häuser und Denkmäler folgen dieser Topografie. Für die Denkmalkarte wollte ich genau diese räumliche Struktur sichtbar machen und den verfügbaren Raum gut nutzen.

Die Koordinaten der Denkmäler liefern dafür die Grundlage.

Aus ihnen berechnet der Atlas zunächst die räumlichen Abstände. Anschließend wird die gesamte Punktgeometrie gemeinsam gedreht, sodass die Längsrichtung des Ortes in der Darstellung besser zur Geltung kommt.

Die relativen Positionen und Abstände bleiben dabei erhalten. Die Kirche bleibt neben ihren Nachbarn, die Form des Ortes bleibt dieselbe. Lediglich die Orientierung der gesamten Darstellung verändert sich.

Auch der Nordpfeil folgt dieser Drehung und zeigt weiterhin die geografische Orientierung.

So entstehen aus derselben Punktwolke zwei Ansichten: geografisch nordorientiert und für die Atlasansicht gemeinsam gedreht.

Dieselben Punkte, dieselben Abstände – eine andere Ausrichtung.

Koordinaten Sankt Aldegund

Abb. 1: Dieselben georeferenzierten Denkmalpunkte in zwei Ansichten. Für die Atlasdarstellung wird die gesamte Punktgeometrie gemeinsam gedreht; relative Positionen und Abstände bleiben erhalten.

Wenn fünf Denkmäler sehr eng zusammenrücken

Im historischen Ortskern liegen manche Denkmäler dicht beieinander.

Auf der Karte können dadurch mehrere Marker auf wenigen Pixeln zusammentreffen. Der Atlas fasst sie in solchen Situationen vorübergehend zu einer Gruppe zusammen.

Steht beispielsweise eine 5 in einem Marker, liegen dort fünf einzelne Objekte dicht beieinander.

Mit zunehmender Vergrößerung lösen sie sich wieder in ihre einzelnen Punkte auf.

Im Datenbestand bleiben währenddessen fünf eigenständige Objekte mit fünf eigenen Kennungen und fünf eigenen Koordinaten erhalten. Die Karte wählt abhängig von Maßstab und verfügbarem Raum eine passende Darstellung dafür.

Dieses kleine Detail zeigt sehr anschaulich, wie Datenstruktur und Benutzeroberfläche zusammenspielen.

45 / 45 und 10 / 45 erzählen unterschiedliche Geschichten

Bei den Denkmal-Daten stieß ich auf eine andere gestalterische Frage.

Einige Eigenschaften sind nahezu vollständig dokumentiert, andere bei einem kleineren Teil der Objekte.

Der Datenbestand sieht beispielsweise so aus:

45 / 45 – Bauform
44 / 45 – Material
43 / 45 – Koordinaten
10 / 45 – ausdrücklich genannte Stilzuordnung

Diese vier Zahlen sehen ähnlich aus. Für eine Auswertung beschreiben sie jedoch sehr unterschiedliche Datengrundlagen.

Bei der Bauform steht der vollständige Denkmalbestand zur Verfügung. Eine Auswertung der Stilzuordnungen basiert dagegen auf zehn entsprechend beschriebenen Objekten.

Bei analytischen Kennzahlen führt der Atlas deshalb Ergebnis, Grundgesamtheit sowie vorhandene und fehlende Werte gemeinsam.

So bleibt bei jedem Prozentwert unmittelbar erkennbar, auf welcher Datengrundlage er beruht.

Datenabdeckung Einzeldenkmäler

Abb. 2: Datenabdeckung im Denkmalbestand. Bauform, Material, Koordinaten und Stilzuordnung sind unterschiedlich dicht erfasst – eine wichtige Bezugsgröße für spätere Auswertungen.

Auch „nicht datiert“ erzählt etwas über den Ort

Für zwei bestehende Einzeldenkmäler ist derzeit keine belastbare veröffentlichte Datierung bekannt.

Im Atlas stehen sie entsprechend als:

nicht datiert

Auch das gehört zur Beschreibung des Datenbestands.

Eine Jahrhundertsauswertung zeigt damit neben den bekannten Zeitangaben zugleich, wie vollständig die zeitliche Einordnung der Gebäude derzeit möglich ist.

Ähnlich verhält es sich bei historischen Bevölkerungszahlen. Zwischen manchen überlieferten Werten liegen Jahre oder Jahrzehnte. Die Abstände zwischen den Datenpunkten gehören ebenso zur Geschichte der Daten wie die Zahlen selbst.

Solche Lücken zeigen, an welchen Stellen die Quellenlage dicht ist und wo weitere Recherche noch neue Erkenntnisse bringen kann.

Eine Kirche, zwölf Ereignisse und viele Wege durch die Geschichte

Schon im ersten Teil spielte die Alte katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus eine wichtige Rolle.

Im Datenmodell trägt sie die Kennung:

SA-KD-004

Mit diesem einen Datensatz sind zahlreiche historische Ereignisse verbunden.

Eines davon ist:

EV-007

die erste belegte Kirche an diesem Ort im Jahr 1144.

Das Ereignis wiederum verweist auf die Quellen, aus denen sich diese Aussage ableitet.

Damit entsteht zunächst eine einfache Kette:

Kirche → Ereignis → Quelle

Bei derselben Kirche wiederholt sich dieses Prinzip über viele Jahrhunderte.

1522 kommt der „Christus in der Rast“ hinzu.
1601 die Stiftung des Rultz-Altars.
1762/63 der Umbau der Kirche.
nach Oktober 1872 die Profanierung.
1967–1971 die Restaurierung.
3. Oktober 1971 die erneute Weihe.

Aus einer Kirche wächst so ein historischer Knotenpunkt.

Genau diese Struktur bildet das Wissensnetz grafisch ab. Eine Linie steht dort für eine Beziehung, die im Datenbestand hinterlegt ist. Aus Kennungen und Verweisen entsteht auf dem Bildschirm ein Netz aus Bauwerken, Ereignissen, Kulturorten und Quellen.

Beziehungsmodell Alte Kirche St. Aldegund

Abb. 3: Ein Ausschnitt aus dem Beziehungsmodell der Alten Kirche. Von SA-KD-004 führen gespeicherte Verknüpfungen zu historischen Ereignissen und von dort zu den jeweils hinterlegten Quellen.

Dieselben Daten, andere Fragen

Besonders deutlich wird die Rolle der Gestaltung bei den Bevölkerungsdaten.

Eine Zeitreihe zeigt, wie sich die Einwohnerzahl über Jahrzehnte entwickelt hat.

Eine Altersstruktur zeigt, wie sich die Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt zusammensetzt.

Und die im ersten Beitrag beschriebenen Zahlen 530, 526 und 580 erzählen wiederum etwas über unterschiedliche Stichtage, Quellen und Erhebungszusammenhänge.

Jede dieser Darstellungen greift auf Daten über denselben Ort zurück und stellt eine andere Frage an sie.

Das gilt ebenso für die Gebäudestatistik. 224 Gebäude mit Wohnungen lassen sich als Gesamtzahl nennen. Eine Gruppierung nach einer, zwei oder mehreren Wohnungen zeigt zusätzlich die innere Struktur dieses Bestands.

Auswahl, Reihenfolge, Gruppierung, Abstände und Beschriftungen formen so unterschiedliche Ansichten auf denselben Datenbestand.

Ein Blick unter die Oberfläche

An dieser Stelle darf es ein wenig technischer werden.

Hinter Karten, Zeitreihen und Verbindungen stehen strukturierte Datensätze. Die Alte Kirche sieht in stark gekürzter Form beispielsweise so aus:

{
  "id": "SA-KD-004",
  "name": "Alte katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus",
  "datierung_text": "spätes 12./frühes 13. Jahrhundert; Umbauten bis 1762/63",
  "analyseanker": 1200,
  "sources": ["S02", "S03", "S06", "S11", "S14", "S20"]
}

Das Ereignis von 1144 greift dieselbe Kennung wieder auf:

{
  "id": "EV-007",
  "jahr_von": 1144,
  "titel": "Alte Kirche erstmals erwähnt",
  "verknuepfte_objekte": ["SA-KD-004"],
  "sources": ["S06", "S11", "S14"]
}

Hier wird die Beziehung sichtbar, bevor überhaupt eine Linie gezeichnet wird.

SA-KD-004 bezeichnet die Kirche.

Im Ereignis EV-007 taucht dieselbe Kennung unter verknuepfte_objekte auf. Daneben stehen die IDs der zugehörigen Quellen.

Aus genau solchen Verweisen erzeugt der Atlas später Detailseiten, Zeitleisten und Beziehungen im Wissensnetz.

Für technisch Interessierte ist das der direkteste Blick darauf, wie der Atlas unter seiner Oberfläche funktioniert.

JSON Datenstruktur

Abb. 4: Blick in die Datenstruktur des Atlas. Die Kennung SA-KD-004 verbindet den Denkmal-Datensatz der Alten Kirche mit dem Ereignis EV-007 und den jeweils zugeordneten Quellen.

Gestaltung übersetzt Struktur

Viele Entscheidungen im Atlas beginnen im Datenmodell und enden in einer sichtbaren Form.

  • Koordinaten werden zu Punkten.
  • Zeitangaben werden zu Positionen auf einer Zeitachse.
  • Beziehungen werden zu Linien.
  • Grundgesamtheiten werden zu Diagrammen.
  • Kennungen verbinden Datensätze miteinander und führen den Besucher von einem Objekt zum nächsten.

Die Gestaltung bringt diese unterschiedlichen Ebenen in eine Form, die sich lesen, vergleichen und erkunden lässt.

So erscheint derselbe historische Ort gleichzeitig als Straßen- und Gebäudestruktur, als Folge von Ereignissen, als Quellenbestand, als JSON-Datensatz und als grafisches Beziehungsnetz.

All diese Ansichten beschreiben Sankt Aldegund aus einer anderen Richtung.

Wieder zurück nach Sankt Aldegund

Der erste Beitrag begann mit einer einfachen Ortsgrafik und einer Einwohnerzahl.

Heute lässt sich Sankt Aldegund im Atlas auf ganz unterschiedliche Weise betrachten: als Karte, als Zeitreihe, als Netz historischer Beziehungen, als Sammlung einzelner Denkmäler oder als strukturierter Datenbestand.

  • Unter einer Zahl steht ihre Datengrundlage.
  • Hinter einem Kartenpunkt stehen Koordinaten und ein Datensatz.
  • Eine Linie im Wissensnetz führt auf eine gespeicherte Beziehung zurück.
  • Jede Visualisierung eröffnet einen bestimmten Blick auf denselben strukturierten Bestand.

Damit schließt sich der Kreis zur ursprünglichen Grafik.

Damals wollte ich Sankt Aldegund auf einen Blick zeigen.

Heute kann man sich durch den Ort hindurchklicken.

Über den Autor: Ben Thoma ist Grafiker und Webprogrammierer und entwickelt seit rund 20 Jahren Websites. Sankt Aldegund ist sein Heimatort. Den Datenatlas entwickelt er als eigenes Projekt an der Schnittstelle von Gestaltung, Webentwicklung, Ortsgeschichte und strukturierten Daten.

Weiter in den Daten

530, 526 oder 580? Wie St. Aldegund zum Datenatlas wurde

作者Ben Thoma
2026年8月13日 04:14

Am Anfang stand eine Grafik über Sankt Aldegund, meinen kleinen Heimatort an der Mosel.

Ich wollte den Ort auf einen Blick zeigen: das Panorama an der Mosel, markante Gebäude, Fläche, Postleitzahl, Höhenlage, geografische Koordinaten – und natürlich die Einwohnerzahl. Für diese Grafik trug ich 549 Einwohner ein. Die Zahl hatte mir damals auf Nachfrage das Einwohnermeldeamt genannt.

Seit rund 20 Jahren entwickle ich Websites und arbeite dabei immer wieder mit strukturierten Daten. Bei Sankt Aldegund bekam diese Arbeit eine ungewöhnlich lokale Dimension. Nachdem die Grafik fertig war, wollte ich genauer wissen, wie belastbar einzelne Angaben über meinen Heimatort eigentlich sind, woher sie stammen und wie sie sich miteinander in Beziehung setzen lassen.

Ausgerechnet die vermeintlich einfache Einwohnerzahl erwies sich dabei als ausgesprochen ergiebig.

Abb. 1: Mit dieser Grafik begann die Geschichte des späteren Datenatlas Sankt Aldegund. Für die Einwohnerzahl trug ich damals 549 ein – eine Angabe, die mir auf Nachfrage beim Einwohnermeldeamt genannt worden war.

2022 hat drei Einwohnerzahlen

Wer nach der Einwohnerzahl Sankt Aldegunds für 2022 sucht, kann auf mindestens drei Angaben stoßen:

530 Einwohner zählt der Zensus zum Stichtag 15. Mai 2022.

526 Einwohner weist die Bevölkerungsfortschreibung des Statistischen Landesamtes Rheinland-Pfalz zum 31. Dezember 2022 aus.

Eine landeskundliche Beschreibung bei KuLaDig nennt 580 Einwohner mit dem Zeitbezug „Stand 2022“.

530, 526 oder 580?

Der Unterschied steckt im Kontext. Der Zensus beschreibt die Bevölkerung an einem konkreten Stichtag und folgt seiner eigenen Erhebungsmethodik. Die Bevölkerungsfortschreibung nennt den amtlichen Stand zum Jahresende. Die landeskundliche Angabe bei KuLaDig – einem Informationssystem zur historischen Kulturlandschaft – stammt wiederum aus einem anderen Veröffentlichungszusammenhang.

Damit wurde für mich eine Frage immer wichtiger:

Was genau beschreibt eine Zahl – und worauf gründet sie sich?

Diese Frage wurde zum Ausgangspunkt für die Arbeitsweise des Atlas. Die drei Werte stehen dort heute bewusst nebeneinander; Stichtag, Quelle und Bezugsrahmen gehören zur jeweiligen Aussage.

Abb. 2: Gebäudestruktur im Datenatlas Sankt Aldegund. Die Visualisierung zeigt 224 Gebäude mit Wohnungen und verteilt sie nach der Zahl der enthaltenen Wohneinheiten.

Eine Zahl bringt die nächsten Fragen mit

Mit der Einwohnerzahl öffnete sich die Recherche in viele Richtungen.

Beim Christophorushaus in der Christophorusstraße 10 erzählt ein einzelnes Baujahr beispielsweise nur einen Ausschnitt seiner Geschichte:

1473 – historischer Kern
1710 – Erweiterung durch einen Nebenbau
1765 – Datierung des Wappens

Die Alte katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus spannt einen noch größeren Zeitraum auf. Ihre Baugeschichte reicht vom späten 12. beziehungsweise frühen 13. Jahrhundert über mehrere Bauphasen bis zu Umbauten in den Jahren 1762/63.

Solche Fälle führten zu einer feineren Struktur für historische Zeitangaben. Ich erfasste die ursprüngliche Datierungsformulierung, Zeiträume und Jahrhundertzuordnungen getrennt und ergänzte dort, wo Auswertungen einen eindeutigen zeitlichen Bezugspunkt brauchten, einen Analysewert.

Aus der Datierung „spätes 12./frühes 13. Jahrhundert; Umbauten bis 1762/63“ lässt sich die Alte Kirche beispielsweise mehreren Jahrhunderten zuordnen. Für bestimmte zeitliche Analysen erhält sie zusätzlich den Analyseanker 1200.

Parallel verknüpfte ich historische Ereignisse mit den betreffenden Bauwerken, ordnete Quellen den jeweiligen Aussagen zu, ergänzte Koordinaten für räumliche Darstellungen und kennzeichnete selbst berechnete Werte als eigene analytische Ebene.

Aus immer mehr einzelnen Informationen entstand so Schritt für Schritt eine gemeinsame Struktur.

Also habe ich mir ein System gebaut

Auch das Datenmodell entwickelte sich aus den Anforderungen, die während der Arbeit am Atlas entstanden. Sobald dieselbe Kirche in Karte, Zeitleiste, historischen Ereignissen und mehreren Quellen auftauchte, brauchte ich eine eindeutige Zuordnung.

Ich entwickelte ein eigenes Kennungssystem.

Die Alte katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus bekam beispielsweise die Kennung:

SA-KD-004

SA steht für Sankt Aldegund.
KD bezeichnet die Kulturdenkmäler.
004 identifiziert diesen Datensatz innerhalb der Gruppe.

Für andere Bereiche entstanden weitere Kürzel:

EV-007 bezeichnet ein historisches Ereignis.
S14 bezeichnet eine Quelle.
SA-KO-008 bezeichnet einen Kulturort.

Diese Kürzel sind eine eigene Konvention des Atlas. Ihre eigentliche Stärke zeigt sich dort, wo sie wieder aufeinandertreffen.

EV-007 beschreibt beispielsweise die erste belegte Kirche an diesem Ort im Jahr 1144. Dieser Ereignisdatensatz verweist auf SA-KD-004, also auf die Alte Kirche.

Zum Ereignis gehören wiederum die Quellen, auf denen die Aussage beruht.

SA-KD-004 → EV-007 → S14
Bauwerk → Ereignis → Quelle

Aus zunächst technischen Kennungen wurden damit feste Verbindungspunkte des Datenmodells.

Abb. 3: Bevölkerung im Verlauf und im Querschnitt: Jahresstände, Zensus 2022 und Altersstruktur werden im Atlas als getrennte, aber aufeinander bezogene Ansichten dargestellt.

1097 – und plötzlich wird eine Jahreszahl kompliziert

Je tiefer die Recherche in die Geschichte Sankt Aldegunds führte, desto interessanter wurden auch Angaben, die auf den ersten Blick vollkommen eindeutig wirkten.

Ein besonders gutes Beispiel ist 1097.

Der 11. Juli dieses Jahres wird traditionell mit einer frühen urkundlichen Erwähnung Sankt Aldegunds verbunden. Die entsprechende Besitzbestätigung Erzbischof Egilberts ist als Nr. 392 im Mittelrheinischen Urkundenbuch überliefert.

Für eine Zeitleiste erscheint das zunächst wunderbar eindeutig:

1097 → Erwähnung → Urkunde

Bei der genaueren Beschäftigung mit der Quelle kommt eine weitere Ebene hinzu.

Der Diplomatiker Theo Kölzer – also ein Wissenschaftler, der historische Urkunden untersucht – ordnet das Dokument als Spurium ein. In der Urkundenforschung bezeichnet man damit ein Schriftstück, dessen überlieferter Entstehungszeitpunkt und tatsächliche Herstellung auseinanderliegen.

Kölzer untersucht dafür unter anderem die Schrift. Diese Methode heißt Paläographie: Historische Handschriften lassen sich anhand von Buchstabenformen, Abkürzungen und charakteristischen Eigenheiten einzelner Schreiber zeitlich und räumlich einordnen.

Im Fall der Urkunde von 1097 erkennt Kölzer dieselbe Schreiberhand, die auch bei einer compositio von 1182 begegnet.

Plötzlich besteht die Information aus mehreren Ebenen:

1097 – das überlieferte Datum
die Urkunde – die historische Überlieferung
die diplomatische Untersuchung – ihre fachliche Einordnung
der Ereignisdatensatz – die strukturierte Zusammenführung im Atlas

Das Jahr 1097 bleibt damit sichtbar. Zugleich bekommt es den Quellenkontext, der für seine historische Einordnung entscheidend ist.

Aus einer Jahreszahl wurde eine kleine Lektion darüber, wie viel Information hinter einem scheinbar einfachen Datum stecken kann.

Vier Jahre, die in keiner Quelle stehen

Manche neuen Daten entstehen direkt aus vorhandenen Angaben.

Eine Quelle zum historischen Brunnenstübchen nennt für den Bau einer Zubringerleitung den Zeitraum 2010 bis 2013.

Für bestimmte Auswertungen interessierte mich zusätzlich, wie viele Kalenderjahre dieser Zeitraum berührt:

2010 · 2011 · 2012 · 2013

Das Ergebnis lautet: vier Kalenderjahre.

Diese Vier entsteht durch meine eigene Auswertung.

Im Datenmodell behandle ich deshalb beide Angaben getrennt. Der Zeitraum 2010–2013 bleibt als Quelleninformation erhalten. Die Zahl Vier bekommt eine Kennzeichnung als analytisch abgeleiteter Wert.

Beim spätrömischen Steinkammergrab lässt sich dasselbe Prinzip über einen wesentlich größeren Zeitraum beobachten.

Die archäologische Einordnung lautet ungefähr:

300–350 n. Chr.

Daraus lässt sich für eine Analyse zusätzlich ableiten:

Zeitspanne: 50 Jahre

Quellenwert und Analysewert können so gemeinsam verwendet werden, während ihre jeweilige Herkunft erkennbar bleibt.

Für mich liegt darin ein wichtiger Teil der Datenarbeit: Auch eine sehr einfache Rechnung erzeugt eine neue Information. Deshalb sollte sich nachvollziehen lassen, wer sie erzeugt hat und aus welcher Grundlage sie entstanden ist.

Wenn 31.000 Reichsmark im Jahr 1899 auftauchen

Manchmal steckt die Quellenkritik in einem einzigen Wort.

Für den Ausbau der Wasserversorgung Sankt Aldegunds im Jahr 1899 nennt eine verwendete Quelle Kosten von 31.000 Reichsmark.

Die Währungsbezeichnung fällt aus der Zeit.

1899 galt im Deutschen Reich die Mark. Die Reichsmark löste die Mark erst 1924 als offizielle Währung ab. Die Währungsgeschichte lässt sich auch bei der Deutschen Bundesbank nachvollziehen.

Im Atlas führe ich den Betrag deshalb als:

31.000 Mark

Gleichzeitig dokumentiert der Datensatz, dass die verwendete Quelle den Begriff „Reichsmark“ nennt.

Für solche Fälle habe ich die Kennzeichnung quellenkritisch korrigiert eingeführt.

Die Quelle bleibt damit nachvollziehbar, die historische Einordnung wird präziser und auch meine redaktionelle Entscheidung ist dokumentiert.

Aus diesem und ähnlichen Fällen entwickelte sich eine einfache Regel:

Jede Veränderung an einer Quellenangabe bekommt einen nachvollziehbaren Grund – und dieser Grund gehört zum Datensatz.

Was an einer einzigen Kirche zusammenkommt

An der Alten Kirche lässt sich inzwischen fast das gesamte Prinzip des Atlas erklären.

Nehmen wir noch einmal:

SA-KD-004

die Alte katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus.

Eine ihrer Beziehungen führt zu:

EV-007

der ersten belegten Kirche an diesem Ort im Jahr 1144.

Dieses Ereignis wiederum verweist auf die Quellen, aus denen sich die Aussage herleitet.

Damit haben wir zunächst drei Ebenen:

Kirche → Ereignis → Quelle

Doch bei derselben Kirche wiederholt sich dieses Muster.

1522 kommt mit dem „Christus in der Rast“ eine weitere historische Ebene hinzu.

1601 folgt die Stiftung des Rultz-Altars.

1762/63 wird der Umbau der Kirche erfasst.

nach Oktober 1872 ihre Profanierung.

1967–1971 die umfassende Restaurierung.

3. Oktober 1971 die erneute Weihe.

Jedes dieser Ereignisse besitzt wiederum eigene Quellenbezüge. Weitere Verbindungen führen zu Kulturorten und anderen Datensätzen.

Aus einem einzelnen Bauwerk wächst so ein Netz aus Zeitpunkten, Vorgängen, Orten und Belegen.

Genau daraus entstand später das Wissensnetz des Atlas.

Die entscheidende Frage lautete inzwischen nicht mehr allein:

Was weiß ich über dieses Gebäude?

Sondern auch:

Was hängt mit diesem Gebäude zusammen?

Aus einer Einwohnerzahl wurde ein Ortsmodell

In der Grafik, mit der diese Geschichte begann, steht bis heute:

549 Einwohner

Damals war das genau die Information, die ich für die Gestaltung brauchte.

Heute würde ich dieselbe Zahl zusätzlich mit ihrem Stichtag, ihrer Quelle und ihrem Erhebungszusammenhang erfassen. Ich würde sie neben andere Einwohnerzahlen stellen und sichtbar machen, welche Aussage jede einzelne von ihnen trägt.

Dieser Unterschied beschreibt ziemlich genau die Entwicklung des Projekts.

Aus Angaben wurden Datensätze. Datensätze bekamen eindeutige Kennungen. Gebäude erhielten mehrere Zeitebenen. Ereignisse wurden mit ihren Quellen verbunden. Eigene Berechnungen bekamen eine dokumentierte Herkunft. Quellenkritische Entscheidungen fanden ihren Platz direkt im Datenbestand.

Aus all diesen Schritten entstand ein Modell, mit dem sich Sankt Aldegund über Zeit, Raum, Quellen und Beziehungen erschließen lässt.

Die 549 in meiner ursprünglichen Grafik waren eine Zahl.

Im Datenatlas wäre dieselbe Zahl heute eine Information mit Herkunft, Zeitpunkt und Kontext.

Dazwischen liegt die Geschichte dieses Projekts.

Im zweiten Teil: Wenn Daten sichtbar werden

Mit dem Datenmodell entstand eine neue gestalterische Aufgabe: Wie werden diese Strukturen auf dem Bildschirm verständlich?

Im zweiten Teil geht es deshalb um die Karten des Atlas, um Wissensnetze und Diagramme, um unterschiedlich dicht belegte Datenbereiche – und um einen Blick direkt in die technische Struktur einzelner Datensätze.

Oder anders gesagt:

Was passiert, wenn aus einem Datenmodell eine Benutzeroberfläche wird?

Über den Autor: Ben Thoma ist Grafiker und Webprogrammierer und entwickelt seit rund 20 Jahren Websites. Sankt Aldegund ist sein Heimatort. Den Datenatlas entwickelt er als eigenes Projekt an der Schnittstelle von Gestaltung, Webentwicklung, Ortsgeschichte und strukturierten Daten.

Weiter in den Daten

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